2011

Showtime für Gott

heilig

Am 1. Mai wird Johannes Paul II. in Rom in einer gigantischen Zeremonie seliggesprochen. Warum der Vatikan übersinnliche Kräfte für seine PR-Zwecke braucht. Nach welchen Methoden selig- und heiliggesprochen wird. Und warum die Kritik am Pope-Star Wojtyla nicht verstummt.

Von Angelika Hager und Gunther Müller

Die Schätzungen für die erwarteten Pilger am Wochenende der päpstlichen Seligsprechung in Rom schwanken zwischen einer und drei Millionen. Den Großteil werden polnische Wojtyla-Fans stellen.

Welche Massen der meistgereiste Papst noch im Tod zu mobilisieren imstande war, zeigten schon die Begräbnisfeierlichkeiten im April 2005: An diesem Tag wurde der Pilger-Höchststand in Rom mit drei Millionen Besuchern verzeichnet. Und auf dem Petersplatz erschollen unter den Trauernden bereits damals hundertfach mit „Santo subito!“ die Rufe nach einer möglichst rasanten Heiligsprechung des Verstorbenen. Auch der Wiener Stephansdom registrierte am päpstlichen Bestattungstag mit rund 8000 Besuchern seine historische Publikumsbestmarke.

Keine Frage – im Pope-Business hat es Johannes Paul II. trotz seiner zweifelhaften Rolle im kirchlichen Missbrauchsskandal (siehe Kasten) auch posthum zu unübertroffener Strahlkraft gebracht.

In der polnischen Gemeinde in Wien, die rund 6000 Mitglieder zählt, rüstet man sich bereits seit Wochen für das Großereignis. Die Gardekirche im dritten Wiener Gemeindebezirk, die bei jeder Sonntagsmesse bis auf den letzten Platz gefüllt ist, ist bereits seit 1998 im Besitz ihres persönlichen Wojtyla: Rechts vom Eingang prangt der Held der polnischen Katholiken in Guss­eisen. „Er ist unser Idol“, erklärt eine alte Dame, die einen Blumenkranz vor der Statue positioniert, „und ab 1. Mai werden unsere Gebete im Himmel noch mehr von Gott erhört werden, denn dann wird sich unser lieber Papst, der direkt neben Gott steht, noch mehr für unsere Bitten starkmachen. Das ist auch unser großer Tag!“

Auf dem Gebiet der „Kundenbindung“ durch Selig- und Heiligsprechungen hatte es der fast 27 Jahre amtierende Karol Jozef Wojtyla selbst zur päpstlichen Weltmeisterschaft gebracht. Während seines Pontifikats, des zweitlängsten der Kirchenhistorie nach Pius IX., hatte Johannes Paul II. 1338 Katholiken zum Seligenstatus verholfen und 482 in den Heiligenstand versetzt. Damit hat er nahezu eine Heiligen-Epidemie bewirkt: Denn in den letzten 400 Jahren war die Zahl der Heiligenneuzugänge, also jener Menschen, die laut Kirchendefinition „die Vollendung mit Gott erreicht haben“, insgesamt nur halb so hoch wie unter dem „eiligen Vater“. Seine umstrittenste Wahl fiel auf den spanischen Opus-Dei-Gründer Josemariá Escrivá, dessen Laienorganisation sich durch Franco-Nähe und generelle Faschismus-Freundlichkeit charakterisierte. Das Opus Dei hatte auch maßgeblichen Anteil an der Installation des ­blutigen Pinochet-Regimes in Chile. 2002 wurde Escrivá heiliggesprochen. ­Zugutehalten muss man dem demnächst seligen Papst, dass er mit dem Segen für ­Gianna Baretta Molla auch die im Lichte der Kirche höchst progressive Entscheidung vertrat, eine verheiratete Frau in den Heiligenstand zu erheben. Molla war eine italienische Kinderärztin und Anti-Abtreibungs-Aktivistin.

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