2011
Privilegien-Minus
Presse-Artikel vom 6. 3. :
Nein, hier kommt trotz Frauentags nichts über Frauen. Die Frau als solche, sagt Loriot, ist aus der modernen Gesellschaft kaum noch wegzudenken. Damit ist alles gesagt. (Es gibt zwar in Loriots Werk auch den Satz: „Die Frau als solche muss in ihrer derzeitigen Form seit langem als überholt betrachtet werden“, aber das sagt nicht er, sondern der imaginäre Nobelpreisträger Prof. Mutzenberger.)
Manchmal merkt man, dass Loriot einen Humorbegriff aus einer anderen Zeit verkörpert. Und wie aus einer anderen Zeit wirkt auch die Initiative, die diverse atheistische Aktivistenvereine nun als Vorbereitung eines Volksbegehren gegen „Kirchenprivilegien“ gestartet haben. Einerseits klingt es nach den Überresten altmodischer Herrschaftskritik, die in der institutionalisierten Religion ein Unterdrückungsinstrument der Mächtigen gesehen hat. Trifft man die Kirche, trifft man die Obrigkeit, hat man sich damals gedacht. Und man war nicht zimperlich, ob die der Kirche zur Last gelegten Ungeheuerlichkeiten auch stichhaltig sind.
Das ist auch jetzt so. Zuoberst steht etwa der Vorwurf: „Die Missbrauchs-Verbrechen der katholischen Kirche werden nicht staatlich verfolgt, sondern deren Aufklärung wird der Kirche selbst überlassen.“ Das ist schon ziemlicher Unsinn. In Wirklichkeit verfolgt der Staat alle Missbrauchs-Verbrechen, die zur Anzeige gebracht werden. Soferne nicht die Opfer Anzeige erstatten, tut das mittlerweile die Kirche routinemäßig. Freilich beschäftigt sich der Staat nur mit nicht verjährten Fällen. In alles andere darf er sich nicht einmischen – das ist das Wesen der Verjährung und kein Privileg der Kirche.
Aber das Interessante sind nicht die etwas dünnen Vorwürfe in concreto, sondern dass diese Aktion nicht nur wie aus der Vergangenheit wirkt, sondern auch wie aus der Zukunft. Der althergebrachte katholische Festtagsanzug zwickt die Gesellschaft ja schon gehörig unter den Achseln, und was einmal das öffentliche Leben selbstverständlich geprägt hat, ist fremd geworden. Für viele ist die Kirche als solche mittlerweile aus der Gesellschaft wegzudenken. Sie scheint ihnen in ihrer derzeitigen Form überholt, wohl nicht so sehr, weil sie ein verlängerter Arm der Mächtigen wäre, sondern als Antithese zu so vielem, was den modernen Way of Life ausmacht und den Wertekanon der intellektuellen Welt.
Darum wird die Zukunft voll von Stimmen sein, die die Redimensionierung des öffentlichen Ranges der Kirche fordern, und die Kirche ist sicher gut beraten, nicht zu warten, bis ihr von außen dieser Prozess der Ablöse von den Resten des josefinischen Staatskirchentums aufgezwungen wird. Meine Vermutung ist, dass ihr Grundauftrag, die Völker zu lehren und freien Menschen zu helfen, im Vertrauen auf Christus große Glaubende und Liebende zu werden, dann auch wieder besser zu erfüllen ist.
Michael Prüller (Die Presse), Quelle: diepresse.com.
Reaktion vom 8. 3. , per Mail an Michael Prüller:
S. g. Hr. Prüller,
sehen Sie mir bitte nach, dass ich erst heute auf o.g. Artikel reagiere, aber er wurde mir gestern in der Nacht bei einem unserer Geheimtreffen zugespielt, wie das halt bei "atheistischen Aktivistenvereinen" so üblich ist. Im Dunkeln treffen wir uns heimlich um zu beraten, wie wir am besten "die der Kirche zu Last gelegten Ungeheuerlichkeiten" ins grelle Licht des "modernen Way of Life" zerren können!
Mit grosser Ratlosigkeit lässt mich auch heute noch die Tatsache zurück, dass "soferne nicht die Opfer Anzeige erstatten, die Kirche das mittlerweile routinemässig tut" .
Wie darf man sich das vorstellen? Die Anwendug der Erbschuld auch auf Geistliche - also jeder ist pädophil bis zum Beweis des Gegenteils? Beistellung von Sittenwächtern wie im Iran? Befragung aller betroffenen betreuten Kinder und Jugendlichen?
Also diesen oben zitierten Satz verstehe ich nicht. Sehen Sie es mir nach, ich bin ja nur Atheistin.
Ich versteh aber auch nicht Ihren letzten Satz: "(...) ihr (der Kirche, Anm.) Grundauftrag, die Völker zu lehren und freien Menschen zu helfen, im Vertrauen auf Christus große Glaubende und Liebende zu werden (...)"
Seit wann war es jemals Auftrag der Kirche (welcher auch immer), Menschen zu Wissen und Freiheit zu verhelfen? Au contraire, dass Sie jetzt Redakteur der Presse sind und Ihre Artikel auf dem PC (nehme ich an) schreiben können, haben Sie in welchem Punkt genau der Römisch Katholischen Kirche zu verdanken?
Aber ich will Sie nicht belehren und schon gar nicht bekehren, jeder kann und soll glauben was er will, aber Glauben ist nun mal Privatsache (wie auch Sex, dabei will ich Ihnen auch nicht zusehen). ;-)
Erst wenn das in den Köpfen der Menschen angekommen ist und eine strikte Trennung von Staat und Kirche stattgefunden hat, erst dann sind wir wirklich frei!
Noch eine Anmerkung: unter Apostroph gestellte Satzteile sind wörtlich aus Ihrem Artikel übernommen, damit ich nicht in Plagiatsverdacht gerate.
Mit freundlichen Grüßen
Edith Bettinger, Freidenkerbund
Foto: Tagesanzeiger.
