2011
Hinter den Kulissen der Wahlen in Ägypten
62% der registrierten Wähler in den ersten Wahlbezirken (hauptsächlich Kairo und Alexandria) haben ihre Stimme abgegeben, 8 Millionen gültige Stimmen, 500.000 waren ungültig bei 14 Millionen Wahlberechtigten. Im sehr komplizierten Wahlsystem ging es hierbei um 168 Sitze im Unterhaus des zukünftigen Parlaments, das insgesamt 508 Sitze umfassen soll, wobei 498 durch Wahl ermittelt und 10 durch den Militärrat bestimmt werden sollen, da noch kein Präsident diese Aufgabe erfüllen kann.
Nun sind natürlich alle geplättet ob des bisherigen Wahlausgangs, denn nach derzeitigem Auszählungsstand räumen die Islamisten 70% der Stimmen ab, wobei ca 40% die Muslimbrüder für sich beanspruchen können, rund 30% die Salafisten, was die eigentliche Überraschung ist.
Nicht überraschend hingegen ist, dass die Muslimbruderschaft trotz Verbotes von Wahlwerbung am Abstimmungstag aus reiner islamischer Nächstenliebe ihre Stände vor Wahllokalen aufgestellt haben, um ihre Brüder und Schwestern im Glauben über die zugegebenermaßen sehr komplizierten Wahllisten zu informieren. Ein Schelm, wer dabei denkt, sie hätten auch die Platzierung des Kreuzes an der richtigen Stelle empfohlen!
Nun liest man ja in den westlichen Medien, dass das ja NUR der Wahlkreis Kairo und Alexandria so entschieden hat, im größten Teil des Landes wird ja erst gewählt! Ist das Absicht oder sind die Journalisten wirklich so naiv? Was glaubt denn der selbsternannte Experte XY wie die Wahl erst im Rest Ägyptens ausgehen wird, wenn schon in den Ballungszentren, wo die gut gebildete Ober-und Mittelschicht wohnt, sich Säkularismus nicht durchsetzen konnte? In den ländlichen Gebieten werden die Menschen dann den Karren aus dem Dreck holen? Werdet endlich wach, „arabischer Frühling“ wird zum Unwort des Jahres erklärt, wer auch nur ansatzweise an eine Demokratisierung Ägyptens geglaubt hat, war entweder noch nie im Land am Nil oder verschließt die Augen vor Tatsachen!
Es gibt keine Ausrede, schon vor Monaten war klar, in welche Richtung die Revolution steuern wird. Über 80 Millionen Menschen sind in diesem Land tief religiös (ich vergesse hierbei die Kopten nicht, sie sind auch fundamentalistisch im Sinne von auf die Fundamente vertrauend).
Demokratie ist für die meisten Ägypter schon wählen zu dürfen, Säkularismus ist mit Gottlosigkeit konnotiert, ist also kein Begriff, mit dem man Stimmen gewinnt - der werte Leser mag jetzt einwenden, dass das in Europa auch nicht anders ist, was stimmt, allerdings gibt es in Europa dank Aufklärung nur mehr eine Minderheit, die Gott in die Verfassung schreiben lassen will!
Man mag sich gar nicht vorstellen, dass die jetzt Gewählten ja dann auch an der Verfassung mitarbeiten sollen!
Meine liberalen ägyptischen Freunde sind wirklich zutiefst besorgt, ein Großteil von ihnen hat sogar ihre Profile auf Facebook gelöscht, um nicht anhand Ihrer Aktivitäten eben dort zur Zielscheibe von Fanatikern zu werden, die natürlich jetzt aus ihren Löchern kriechen. Dr. Mahmoud E., ein Ophtalmologe aus Kairo, schreibt mir schon seit Tagen, dass seine ganze Familie, in der keine einzige Frau Kopftuch trägt, zunehmend beschimpft wird, weil sie nicht islamkonform genug leben. Das ist aber nur ein Beispiel von vielen, meine atheistischen Freunde sind nur mehr im Untergrund aktiv, falls überhaupt.
Die Revolution frisst ihre Kinder, Ägypten ist mehr denn je gespalten. Die Muslimbrüder haben bei den Demonstrationen eine eher inkonsistente Rolle gespielt, das lässt hoffen, dass diese Gruppe zu opportunistisch ist, um großen Schaden anzurichten. Zumindest nach außen hin lassen sie wissen, dass die Wirtschaft das drängendste Problem ist, das es zu lösen gilt. So kann man annehmen, dass sie mit der SCAF (Supreme Council of the Armed Forces) Kompromisse eingehen werden, um am wirtschaftlichen Einfluss der Armee mit zuschneiden, der ja nicht unbeträchtlich ist. Aber auch hier gilt: traue keinem, der gerade dabei ist, aus einer Jugendrevolution ein Altersabsicherung für sich selbst zu machen. Die Rolle der Muslimbrüder ist ungleich schwieriger einzuschätzen als die der Salafisten, die im Sog des Sturzes von Mubarak an die Oberfläche geschwemmt wurden und nicht einmal besonders hinter dem Berg halten mit ihrer Absicht, aus Ägypten einen islamischen Staat zu machen. Natürlich war diese Ideologie schon länger in den Köpfen mancher Eiferer, Nilesat sendet seit 2003 auf 10 Kanälen Salafi- Programmatik ins Land. Die Zahl der Salafisten in Ägypten ist schwer zu nennen, aber folgende Einschätzung finde ich doch sehr alarmierend: Abdel Moneim Abouel Fotouh, Präsidentschaftskandidat, schätzt die Anzahl an Salafisten auf 20mal höher als Mitglieder der Muslimbruderschaft (inoffizielle geschätzte Mitgliederzahl 400.000 – 700.00)!
Als amuse geule ein paar Zitate von Sheikh Abdel-Moneim al-Shahat, Sprecher der „Predigenden Salafisten-Bewegung“:
„Ein Nichtmuslim kann Führungspositionen einnehmen, aber er darf niemals Muslime führen.“
„Der Gesundheitsminister darf kein Christ sein, weil er Medikamente freigeben könnte, die Alkohol
enthalten.“
„Wir glauben an die Gleichstellung von Mann und Frau. Aber der Mann ist bestimmt zu führen. Er darf in der Öffentlichkeit auftreten, was der Frau durch die religiösen Vorschriften untersagt ist.“
Dieser Sheikh ist unter den Frommen Alexandrias sehr beliebt, er fordert wirklich, was sonst nur unter Karikatur eines Extremisten durch ginge: Die Frauen tragen den Niqab, den Schleier, der nur einen Sehschlitz freilässt. Dazu kommen Handschuhe – sie wollen keinem fremden Mann berühren, wenn sie ihm die Hand geben, denn das ist «haram», verboten. Die Männer tragen den Bart lang und die Hosen kurz, denn der Prophet hat gesagt, dass ein Muslim weder sein Barthaar kürzen noch seine Hosensäume im Strassenkot schleifen lassen soll.
Es ist nicht verwunderlich, dass selbst Gläubigen dieses Weltbild zu fundamentalistisch ist und daher viele Menschen in Ägyptern vor dieser Radikalisierung Angst haben!
Wohin der Weg der Demokratiebewegung führen wird, ist bei der äußerst dünnen und gefilterten Nachrichtenlage schwer einzuschätzen, aber ein „alle haben sich lieb“ Ende ist praktisch ausgeschlossen, und ob Ägypten noch ein Bürgerkrieg bevorsteht darf meines Erachtens durchaus in die Überlegungen einbezogen werden, denn die wahren Probleme sind nicht einmal noch angedacht worden: Überbevölkerung und all die daraus resultierenden sozialen Schieflagen werden das Land am Nil noch lange beschäftigen und ich wage zu behaupten, dass der Islam alleine, egal welcher Lesart, darauf keine Antwort bieten kann!
© Edith Bettinger – freidenker-online-redaktion, Dezember 2011
Quellen:
http://en.wikipedia.org/wiki/Egyptian_parliamentary_election,_2011%E2%80%932012
http://en.wikipedia.org/wiki/Supreme_Council_of_the_Armed_Forces
http://www.almasryalyoum.com/en/node/531216
Bild:
www.facebook.com - Mit freundlicher Genehmigung von Amr E. und Mohammed E.
