2011

Ein Jahr Missbrauchsskandal

Ein Jahr Missbrauchsskandal

Schwere Vorwürfe in ganz Österreich

Innerhalb weniger Tage ist im März des vergangenen Jahres eine wahre Flut an Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche bekanntgeworden. Nach dem Rücktritt eines Erzabts von St. Peter in Salzburg wegen sexuellen Missbrauchs an einem Minderjährigen beendeten zahlreiche Opfer in ganz Österreich ihr Schweigen.

Ombuds- und Kirchenbeitragsstellen verzeichneten einen Ansturm. Es folgten schwere Anschuldigungen gegen einen Pater des Zisterzienser-Klosters Mehrerau in Vorarlberg, wo sich ein Pater zwischen 1970 und 1982 an mindestens zehn Heranwachsenden vergangen haben soll.

Besonders schwere Vorwürfe wurden gegen Erzieher im oberösterreichischen Stift Kremsmünster laut. Insgesamt meldeten sich 45 Opfer bei der eigens eingerichteten diözesanen Kommission gegen Missbrauch und Gewalt. Gegen drei Klosterbrüder gab es Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs, gegen acht weitere Personen - davon drei weltliche Lehrer - wegen körperlicher oder seelischer Gewalt.

Kaum Reaktionen aus Rom

Obwohl auch in Deutschland und Irland eine Vielzahl von Missbrauchsfällen bekanntwurde, blieb eine Stellungnahme von Papst Benedikt XVI. - mit Ausnahme eines Hirtenbriefes an die irischen Bischöfe - aus. Und das, obwohl das Kirchenoberhaupt selbst in die Kritik geriet, weil er als Erzbischof von München und später als Glaubenspräfekt gegenüber schuldig gewordenen Priestern zu viel Nachsicht gezeigt und einige Missbrauchsfälle vertuscht habe.

Diskussion über Verjährungsfristen

In Österreich gerieten die Missbrauchsfälle schnell auch ins Zentrum der politischen Debatte. Von mehreren Seiten wurde unter anderem eine Verlängerung oder gar der Wegfall der Verjährungsfristen gefordert und die Anzeigepflicht bei Sexualdelikten diskutiert - bis heute jedoch ohne konkretes Ergebnis.

So wurden zwischenzeitlich bereits mehrere Verfahren aus genau diesem Grund wieder eingestellt: In der Causa Mehrerau stellte die Staatsanwaltschaft Feldkirch das Verfahren bereits im Oktober 2010 wegen Verjährung ein, betreffend Kremsmünster wurden zehn von elf Verfahren eingestellt, da sie „strafrechtlich nicht relevant“ oder verjährt waren.

Kommission unter der Leitung Klasnics

Kardinal Christoph Schönborn setzte rund drei Wochen nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic (ÖVP) als „Opferanwältin“ ein. Diese plante eine „niederschwellige“ Anlaufstelle für Opfer, die Entschädigungsfragen regeln und Kontakte zu Einrichtungen, die sich mit Prävention und Aufklärung beschäftigen, pflegen sollte.

Bis Mitte Februar meldeten sich mehr als 800 Betroffene aus allen Bundesländern, in insgesamt 167 Fällen beschloss die Klasnic-Kommission Entschädigungszahlungen. Die Kommission gewährt Summen in den Kategorien 5.000 Euro, 15.000 Euro, 25.000 Euro und Beträge darüber - die 97 Entschädigungen betreffen alle vier Kategorien. Zusätzlich seien vielfach auch längerfristige Therapieleistungen zugesprochen worden, so die Kommission.

Verlängerung der Meldefrist

Ursprünglich wurden Betroffene eingeladen, sich bis Jahresende 2010 mit der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft in Verbindung zu setzen. Aufgrund der „rund um den Jahreswechsel angestiegenen Intensität der Meldungen“ wurde diese Frist aber bis 31. Mai 2011 verlängert. „Unabhängige Opferschutzanwaltschaft und Unabhängige Opferschutzkommission werden selbstverständlich weit über diesen Zeitpunkt hinaus zur Verfügung stehen und Opferinteressen vertreten“, versicherte man. Lediglich Meldungen von Betroffenen würden ab Juni von den unabhängig gestellten diözesanen Ombudsstellen entgegengenommen.

Kritik von Opferverbänden

Kritik am Vorgehen der Kommission wurde bisher vor allem vonseiten der Opfer laut. Die Plattform der Betroffenen von kirchlicher Gewalt forderte erst am Sonntag, dass die Arbeit der Klasnic-Kommission untersucht und die Kommission aufgelöst werde. Dabei geht es um die Frage, ob diese mindestens einem Opfer Schweigegeld angeboten habe. Stimmt die Zahl in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins „profil“, dann hat die kirchliche Opferschutzkommission einem Opfer 50.000 Euro Schmerzensgeld und Therapiekosten angeboten. Für die Plattform handelt es sich dabei aber um Schweige- und nicht um Schmerzensgeld.

Schon im Dezember forderte die Plattform den Rücktritt Klasnics. Diese sei „hoffnungslos überfordert mit der Aufarbeitung der Fälle“. Klasnic solle „aus Anstand gegenüber den Betroffenen von sich aus die Konsequenz ziehen und ihre Arbeit niederlegen“, hieß es in einer Aussendung. Damit würde Klasnic auch den Weg für eine staatliche Kommission frei machen, glaubt die Plattform. Anlass für die Kritik ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Kommission die Fälle bearbeitet. „Bei diesem Tempo wird die Kommission noch viele Jahre brauchen. Das ist den Betroffenen nicht zumutbar“, kritisierte die Plattform.

Quelle: orf.at.

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