2011

Die Schöpfungslüge und das Ebenbild Gottes

k.A.

Freud freut!

Drei Verletzungen hat die Naturwissenschaft den Menschen zugefügt (Sigmund Freud): Die kopernikanische Revolution hat den Menschen den Glauben genommen, im Zentrum der Welt sich zu befinden. Mittlerweilen befinden wir uns auf einem der Planeten von mindestens dreihundert Milliarden Sonnensystemen in unsrer Milchstraße innerhalb eines von uns aus sichtbaren Systems von mindestens zweihundert Milliarden derartiger Galaxien. Dabei sind die Gesteinstrümmer noch gar nicht mitgerechnet, die ohne erkennbares System durch unsere Milchstraße irren. Die Gesetzmäßigkeit, die dahinter steckt, ist denkbar einfach und heißt nur: F(die Kraft) ist Gamma (die Gravitationskonstante) mal die eine Masse (so einfach!) mal die andere Masse dividiert durch das Quadrat des Abstandes der beteiligten Massen. (F=Gamma*m1*m2/r2 – Isaac Newton) So simpel – dennoch hat diese Gleichung unsere Sicht auf die Natur revolutioniert. (Vergesst bitte die Gravitonen: Die heutige Wissenschaft ist sich mittlerweile so gut wie sicher, dass die Schwerkraft ohne Austausch von Teilchen zur Wirkung gelangt.) Die Welt dreht sich nicht mehr um uns, sondern wir drehen uns um die eigene Achse und um die Sonne in einem Sonnensystem, das sich wiederum um den Mittelpunkt einer Galaxie dreht, irgendwo in einem Universum, das expandiert, aber keinen Mittelpunkt hat.

Die zweite Verletzung

Wir sind nicht das Produkt eines rational denkenden Gottes, der uns konstruiert hat. Die Geschichte hat gezeigt, dass unter diesem Gott immer das verstanden wurde, was die jeweiligen Machthaber uns gerade als GöttIn einreden (=Gehirnwaschen) wollten. Wir sind lediglich das Produkt einer Entropiegleichung, die unter hinreichendem Energiefluss immer komplexere Lebensformen hervorbringt. Die schier unendliche Vielfalt und Komplexität lebendiger Existenz wurde von Charles Darwin schematisiert und historisch im Evolutionstheorem begründet. Die für das Entstehen des Artenreichtums organischen Lebens verantwortliche Gleichung ist zwar wesentlich kürzer als die Gravitationsgleichung, aber auch wesentlich schwieriger zu verstehen. ds = dqrev/T. (Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik.) Die differentielle Entropie ist nichts als die differentielle reversible Wärmeenergie dividiert durch die Temperatur. (So Ludwig Boltzmann, der mit seiner Kuh durch die Grazer Innenstadt stolzierte.
http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_remote/MittNatVerSt_87_0012-0019.pdf – Seite 14) Charles Darwin zeigte, dass dieser Energiefluss für die Gestaltung dieses äußerst differenzierten Lebens in unserer Welt verantwortlich zeichnet und nicht ein(e) virtuelle(r) – strafende(r) oder etwa gutmütige(r) – GöttIn. (Gar nicht so einfach, geschlechtsneutral zu sprechen.)
Dieser Energiefluss, der zwischen einer unsagbar heissen Sonne und einem unsagbar kalten Weltall auf dieser Erde zu einem unsagbar vielfältigen Leben in einer Welt mittlerer Temperatur sorgt, ist verantwortlich für die unsägliche Vielfalt organischen Lebens. Es ist die schier unendliche Vielfalt von chemischen Verbindungen, die das Kohlenstoffatom eingehen kann, nebst der universellen Rahmenbedingungen, die erst zur Realisierung einer Welt geführt haben, in der so komplexe Lebewesen wie wir entstehen haben können. Und nicht eine GöttIn, die am Reißbrett (oder CAD-System) die Nervenbahnen unserer Existenz designed hat. (Prof. Heinz Oberhummer, em. Vorsitzender des Zentralrates der Konfessionsfreien)

Die dritte Verletzung

Sigmund Freud hat die Macht des Unbewussten entdeckt und die Psychoanalyse entwickelt. Leider – oder eher glücklicherweise – sind die Vorgänge in unserer Seele (wir wollen halt einmal den nicht rationalen Anteil unseres Denkens so bezeichnen) derartig komplex, dass wir (noch) nicht dazu in der Lage sind, unbewusste Vorgänge mathematisch zu formalisieren. Es bestehen aber mittlerweile keinerlei Zweifel, dass diese Sachverhalte existieren und enorme Macht auf uns ausüben. Darin besteht auch schon die dritte Verletzung, die die Naturwissenschaft der Menschheit zufügte: Die Erweiterung unseres Bewusstseins um die Erkenntnis, dass wir nicht einmal Herr unserer selbst sind und ein ominöses Unterbewusstsein uns steuert und reguliert. Mit all diesen Verletzungen ist unser Selbstverständnis als Ebenbild Gottes wohl beträchtlich angekratzt und in Frage gestellt. Doch damit nicht genug: im 21. Jahrhundert folgt schon

Die vierte Verletzung

Religidiotisch motiviert hat man jahrhundertelang die Einteilung der tierischen Lebewesen in "Homo" und nicht "Homo" aufrecht erhalten. Das basierte auf der uralten Dogmatik, wonach die höchste aller Lebensformen – der Mensch – von den anderen Existenzweisen klar abgegrenzt sein müsste. Falsch gedacht: nun wird auch diese Grenze noch fallen. Wie der wissenschaftliche Beirat der Giordano Bruno Stiftung Prof. Volker Sommer in der letzten Ausgabe des „bild der wissenschaft“ darlegt, verschwimmen die Grenzen zwischen Menschen einerseits und Schimpansen und Bonobos andererseits derartig, dass es wohl zu einer Aufnahme der ehemaligen Affen in die Gattung Homo kommen wird müssen. Theoretischerweise spricht sogar nichts dagegen, dass diese Artverwandten sich miteinander fortpflanzen könnten. Vor allem die nunmehr fortgeschrittene Möglichkeit zur Analyse des genetischen Codes hat gezeigt, dass Menschenweibchen mit Schimpansenweibchen und Menschenmännchen mit Schimpansenmännchen genetisch näher verwandt sind als untereinander.
Ich bin neugierig, ob aufgrund dieser Entwicklung die Religidioten auch ihre Götzenbilder in den Kirchen umgestalten werden, da ja nun wohl auch die fröhlich hüpfenden Artgenossen als Ebenbilder Gottes gewertet werden müssen.

©Richard Kofler, Oktober 2011


bildnachweis: Scan „Bild der Wissenschaft“ 10|2011 Seite 23 Bild mit Prof. Volker Sommer by R. Kofler 

« zurück