2011
Der Prototyp des elektrischen Priesters
Obwohl schon 2008 konstruiert, müsste solchen Innovationen besonders im kommenden „Wir-sind-Papst“-Jahr große Aufmerksamkeit beschert werden. Denn weist der umgebaute Passbildautomat nicht ungeahnte Perspektiven für das 21. Jahrhundert auf?
„Der Gebetomat stellt die kleinste Form eines spirituellen Raums dar. Gedacht für Bahnhöfe, Flughäfen, Raststätten und andere öffentliche Orte, bietet er den Passanten eine Gelegenheit zur inneren Einkehr“, erklären die Erfinder zur vor gut zwei Jahren eingeweihten Innovation.
Die Idee kam dem Künstler Oliver Sturm, als er 1999 in New York „auf einem U-Bahnsteig in einer hygienisch zweifelhaften Ecke einen Automaten an der Wand sah, der mit einer künstlichen Stimme auf einlullend monotone Weise permanent sprach.“
Mit Mitteln aus dem Hauptstadtkulturfonds produzierte er deshalb in Zusammenarbeit mit weiteren Organisationen für das Festival „Dein Wort in Gottes Ohr“ den Gebetomaten. Ihn interessiere die Spannung zwischen einer automatisierten Welt und der Intimität des persönlichen Gebets, verriet Sturm.
Ursprünglich als kommerzielles Produkt entworfen, wurde der Geldschlitz am Gerät in der Arminiushalle in Berlin-Tiergarten inzwischen abgeklebt. Das elektronisch replizierte Wort von Göttern und ihren Propheten kann nun kostenfrei in das Ohr der Gläubigen gelangen.
„Es besteht die Möglichkeit des Mitbetens, vom rasch gesprochenen Stoßgebet bis zur ausgedehnten Meditation, aber zunächst ist es nur ein Ort zum Hören“, so Sturm. Derzeit gibt es im Gebetomat bis zu 300 Gebete in 65 verschiedenen Sprachen zu hören.
Der Besuch an einem Montagmorgen offenbarte zunächst geringes Interesse der Gläubigen in der Millionenmetropole. Einige ältere Männer und Frauen saßen bei Kaffee und belegten Brötchen vor den Ständen und führten Gespräche.
Das Ruhebedürfnis Betender wurde jedenfalls berücksichtigt, der Gebetomat stand in einer abgeschiedenen Ecke. Zudem war sein Erscheinungsbild sehr gepflegt und vermittelte einen reinlichen Eindruck.
Dass der Gebetomat bestehende Marktlücken noch nicht vollständig ausfüllt, zeigte ein erster Besucher. Der etwa 40-jährige Mann schritt nah an das Gerät heran und machte durch seinen Geruch gleich klar, dass er ein Alkoholproblem hat.
Unter großen Mühen formulierte er ein Interesse an dem Angebot und erkundigte sich nach den Kosten. Trotzdem es keine gab und die Möglichkeit zum sofortigen Einstieg in ein Gebet klargestellt wurde, wollte er sich nicht zu einer Einkehr oder inneren Umkehr unter dem Vortrag religiöser Texte entschließen.
Er glaube auch gar nicht an einen Gott, sagte er schließlich und lachte. Außerdem habe er gedacht, dass das Gerät ein Automat zum Handlesen für die Zukunft wäre. Er schlurfte langsam davon.
Offenkundig ist daher möglich, die Attraktivität des Angebotes durch eine Fläche zum Handauflegen zu steigern. Anschließend könnte beispielsweise die Offenbarung des Johannes aus der christlichen Mythologie vorgetragen werden.
Die Vorlieben von Erfinder Sturm liegen jedoch woanders. Er höre am liebsten eine Aufnahme christlicher Zulus aus dem Jahre 1908, erklärte er vor gut zwei Jahren zur Vorstellung des Gebetomaten.
Texte von säkularen Philosophien sind im Angebot des Gebetomaten nicht enthalten. Hintergrund kann sein, dass ein dementsprechendes Besinnungsbedürfnis von konfessionsfreien Menschen nicht besteht oder bisher nicht geäußert wurde. Aber auch die Religion des Namensgebers der Arminiushalle fehlte noch im Gebetomaten.
Bei einigen Pfarrern der christlichen Kirchen stößt die Innovation jedenfalls auf wohlwollende Beurteilungen. Die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ gab die Meinung des Pfarrers Martin Germer zum elektrischen Priester in der Arminiushalle wieder: „Wenn er den Menschen hilft, sich im Gebet zu finden, warum nicht?“
Mit seiner Grundfläche von 83 Quadratzentimetern hat der Gebetomat des Künstlers Oliver Sturm trotzdem ideale Möglichkeiten, auch kleinste Nischen in der Metropole zu füllen. Mit einem Gewicht von lediglich 220 Kilogramm ist das hochmoderne Gotteshaus zudem ausgesprochen mobil und könnte mit Unterstützung von zwei bis drei Personen und einem gewöhnlichen Kombi jederzeit an Orten mit besonderem Gebetsbedarf platziert werden. Das Gerät lässt sich außerdem mieten.
Perspektiven für eine Weiterentwicklung gibt es genug. So könnte die Auswahl von religiösen Texten auf spezifische Wünsche von Gläubigen erweitert werden, wenn bestimmte Zwecke verfolgt werden sollen. So ist es technisch ohne weiteres möglich, für katholische Gläubige Programme für Exorzismen an ihren Mitmenschen in seelischen Notlagen zu integrieren.
Technisch ist es leicht auch machbar, Menschen mit muslimischer Konfession passende Koransuren zur Lösung ihrer Probleme bereit zu stellen. Besteht etwa die Frage eines frischgebackenen Ehemanns, wie beim Streit mit der Partnerin vorzugehen ist, könnte der Besuch beim Imam mit einer knappen Wiedergabe von Vers 34 der Sure 4 des für sie heiligen Buches ersetzt werden. Seelsorge und Wocheneinkauf ließen sich so in einem Gang erledigen.
Mit zunehmender Weiterentwicklung künstlicher Intelligenzen scheint es außerdem möglich, anspruchsvollere Aufgaben an spätere Gebetomaten zu übertragen. Mögliche Vorlagen zur Inspiration gibt es schon seit Jahrzehnten.
Unter anderem der polnische Philosoph und Essayist Stanisław Lem und der russisch-amerikanische Biochemiker Isaac Asimov beschäftigten sich in zahlreichen Werken ausführlich mit den ethischen und praktischen Problemstellungen sowie den Konsequenzen einer solchen Aufgabenübertragung an mögliche Folgemodelle des elektrischen Priesters, wie er als Prototyp heute schon in Berlin anzutreffen ist.
Siehe auch wissenrockt.de.
