2011

Arbeitslosigkeit und das System, das sie braucht

k.A.

Nomenclatura

Personen, die ihre körperliche und/oder geistige Arbeit verkaufen, um ihren eigenen Lebensunterhalt damit zu finanzieren, nennt man "Arbeitnehmer". Personen, die diese Arbeit entgegennehmen und mit entsprechendem Mehrwert weiterverkaufen und die den Erstgenannten dafür mehr oder weniger bezahlen, nennt man "Arbeitgeber". Eine völlig absurde um nicht zu sagen perverse Nomenklatur.
Personen, die in diesen Weiterverkaufsprozess ("freie" Marktwirtschaft – wer ist denn frei in dieser Wirtschaft?) nicht eingebunden sind und die – je nach regionalem politischem Schema – mit mehr oder weniger oder gar überhaupt keinen materiellen Ressourcen ausgestattet werden, nennt man "Arbeitslose".

Soziale Funktionalität

Arbeitslosigkeit hat folgende gesellschaftliche Aufgaben:
1. In einer Struktur mit hoher Arbeitslosigkeit steht bessere Auswahl von Arbeitskräften zur Verfügung, wenn nahezu alle Typen von arbeitenden Tätigkeiten am Arbeitsmarkt verfügbar sind.
2. Arbeitskräfte, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind, lassen sich viel besser unter Druck setzen und die "Arbeitsbedingungen" (Mehrarbeit ohne finanziellen Ausgleich und "freie" Zeitpunktswahl wie variierende Tagesarbeitszeiten, Nachtarbeit, Schichtarbeit, Wochenend- und Feiertagsarbeit) sowie regionale oder überregionale "Mobilität der Arbeitnehmer" stehen billiger zur Verfügung. Gesetze zur Vermehrung von Exploitation und Repression lassen sich dabei immer wunderbar mit dem viel zitierten "Schaffen von Arbeitsplätzen" argumentieren.
3. Es muss nicht mehr in die Aus- und Weiterbildung von eingestellten Personen investiert werden, wenn genau die Kenntnisse am Arbeitsmarkt verfügbar sind, die man für die Produktion von Mehrwert benötigt.
4. Monopolisierung des multinationalen Großkapitals lässt sich vorantreiben, indem man die für die regionale Infrastruktur so wichtigen Kleinunternehmen mit analogen Praktiken unter Druck setzt. Gerade da trifft es oft diejenigen vorbildlichen Selbständigen, die sich für eine positive Arbeitskultur einsetzen. Auch der Versuch, Arbeitslose in risikoreiche selbständige Tätigkeiten zu drängen, soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.
5. Parallel dazu wird argumentiert, man müsse das Pensionssystem retten, indem man das Ende der Lebensarbeitszeit immer weiter nach hinten verschiebt, während ältere Arbeitskräfte immer früher in der Notstandsunterstützung landen und durch diese Praxis in ihrer Pension mit dem Lebensminimum das Auslangen finden müssen. Das geht so weit, dass sich manche PensionistInnen im Winter fragen müssen, was sie den heute wohl besser tun: Heizen oder Essen?

Geschichte

Als die Sklaverei (bei uns nannte man sie Leibeigenschaft, in Österreich als Erbuntertänigkeit 1848 endgültig abgeschafft; (http://de.wikipedia.org/wiki/Leibeigenschaft) noch üblich war, hatten Kirche (ab Luther auch die protestantische) und Adel gemeinsam mit den zum Machterhalt delegierten Inquisitoren, Bischöfen, Äbten, Fürsten, Grafen und Baronen das System noch fest in der Hand. Diese Machthaber aber mussten nicht nur gegen das Volk einen wilden Kampf führen, sondern auch gegen die (Natur-­)Wissenschaft, die mit ihrem Objektivierungsprozeß natürlich auch gesellschaftliche Macht in Frage stellte. Als die Macht der Fürsten wackelte, haben sich die Kirchen halt mit den neu erstandenen Kapitalisten gegen das arbeitende Volk verbündet.
Im 20. Jahrhundert entsteht noch eine Denkungsweise, die noch weit brutaler, weiter rechts, rassistischer und rücksichtsloser ist als der Kapitalismus:
Der Faschismus (Benito Mussolini, Francisco Franco, Adolf Hitler) wird von der Kirche auch gleich als Rettung des christlichen Abendlandes gefeiert. (http://www.atheisten-info.at/downloads/Ratzingerswerke.pdf; Seite 18)
Aber er wird zerschlagen von einer Allianz zwischen allen, die sich einerseits davon politisch links und andererseits in den Konzentrationslagern wiederfanden:
"Christlich"-"Soziale" (jetzt müsste man nur noch hinzufügen: "Marktwirtschaft"), Kapitalismusgläubige (nicht Gott, sondern der Markt regiert alles), Sozialdemokraten, und natürlich Sozialisten, Humanisten, Kommunisten, Angehörige "nichtarischer Rassen", "Untermenschen", Atheisten, Agnostiker, Freidenker.
Obwohl jetzt die Katholen noch den faschistischen Exbrutalisten soweit wie möglich zum Exil in Südamerika verhelfen, stellt sich die Frage: Mit wem verbünden wir uns als nächstes? Das muss ja wohl wieder das Großkapital sein. Weil das den Sturz des Faschismus überlebte und im damaligen politischen Spektrum am weitesten rechts angesiedelt und nach wie vor mit einer Fülle von Macht ausgestattet war. "Wie Sie wissen, Herr von Thyssen – schwuppdiwupp, Herr von Krupp". (Proletenpassion, Schmetterlinge)
Eine moderne Form der Leibeigenschaft findet sich in dem System von Leihfirmen, die Arbeitskräfte am "freien" Markt feilbieten und verkaufen. Diese Sachlage ist wohl der Grund dafür, dass diese Institutionen vom Volksmund als Sklavenhändler bezeichnet werden.

Symbole des österreichischen Bundesadlers

Die gespaltene Kette an den Armen unseres Adlers symbolisiert die vom österreichischen Volk erkämpfte Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung durch Adel und Kirche.
Hammer und Sichel als Metaphern für Arbeiter- und Bauernschaft symbolisieren die staatstragende Funktion der Unzahl von Tätigkeiten, die von den ÖsterreicherInnen verrichtet werden müssen, um die Funktionsweise und Infrastruktur unserer Republik aufrechtzuerhalten.
Es mutet ja wohl nicht erstaunlich an, dass die "Christlich"-"Sozialen" in unserem Parlament die Beseitigung dieser Symbole von unserem Bundesadler fordern.
Nur die Solidarität unter den Arbeitsleistung erbringenden und den arbeitslosen Kräften in unserem Volk wird solche und analog geartete Vorhaben zu verhindern wissen.

Sch(l)üsselfiguren

Ich würde mir so wünschen, dass die Sch(l)üsselfiguren einmal dazu gezwungen wären, ein Jahr lang ihren Lebensunterhalt mit der Notstandsunterstützung oder Mindestrente bestreiten zu müssen. Allerdings ohne Posten im Aufsichtsrat der Atomlobby im Ärmel. Allerdings ohne fette Politikerpension im Ärmel. Allerdings ohne Euromillionen an Vermögen im Ärmel.
Vielleicht würden dann gewisse Vorgänge in unserem Parlament ganz anders in Erscheinung treten.


© Richard Kofler, September 2011

 

Bilddatei: Austria Bundesadler.svg / http://de.wikipedia.org

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