2011

Spiritualität: Monopol der Religion?

k.A.

"Euch Atheisten und Agnostikern werden unsere spirituellen Erlebnisse und Erkenntnisse immer verwehrt bleiben." – so die Vertreter der Religionen mit arrogantem, geizigem und überheblichem Grinsen. Und das nur, weil sie uns um unsere rationalen Erlebnisse und Erkenntnisse beneiden. Aber verhindert vernünftiges Denken wirklich Gefühle, die (bisher) nicht analytisch abgeleitet werden können?
Ist es wirklich ein Privileg der Religiösen, Empfindungen haben zu dürfen?
"Eine feste Burg ist unser Gott" – Johann Sebastian Bachs Kantate Nummer achtzig ertönt endlich wieder vor meinen Ohren. Dieser Bach hat sich ja zum Lutherismus bekannt – wider den mächtigen "Antichristen" in Rom. Nichtsdestotrotz wird der "really swingin'" Großmeister der Barockmusik auch in den Katholenkirchen als Gottesverehrung gehandhabt und ich bin überzeugt, dass die meisten der dortigen Konsumenten über diese Sachlage nicht Bescheid wissen, obwohl gewöhnlich gut informierte Kreise Bach als "fünften Evangelisten" bezeichnen.
http://www.youtube.com/watch?v=jLieZdxjWi8

Mir ist beim Genuss dieser Weltmusik Bach's Anpassung an irgendwelche religiösen Schemata herzlich gleichgültig. Selbst seine fundamentalen Erkenntnisse bezüglich Musiknotation (Halbtonschritt = multiplikative Frequenzverschiebung um 12√2 = zwölfte Wurzel aus zwei) interessieren mich jetzt gar nicht.
Ich stapfe durch den Schnee und rutsche auf dem Eis. Weil es bergauf geht, schwitze ich frierend. Unvermittelt sind zwischen meiner affenähnlichen evolutionären Identität und einem Sternenhimmel (Milliarden von Lichtjahren von einem verstehbaren aber nicht begründbaren Universum) die verletzlichen Zweige eines winterlichen Baumes aufgetaucht. Nanosekunden lang betrachte ich diesen Baum. Für Äonen gilt der gesellschaftliche Kampf nicht mehr. Mein Atem dampft in eine Kälte, die nichts ist im Vergleich zu der Kälte des Universums. Plötzlich sehe ich in Ergriffenheit die Erkenntnis: Ich bin selbst der Baum!
http://www.youtube.com/watch?v=wbIa9fZuTFA

Der Buddhismus, wie ihn Siddharta Gautama Buddha kreierte, war in dieser ursprünglichen Ausprägung eine reine Diesseitsphilosophie – und nicht das Gequargel von durch Räucherstäbchen und Gebetsmühlen zu beeinflussenden Dämonen. Und er beschreibt den zieldefinierenden Selbstentwicklungsprozeß als Selbstreflexion, durch die man zu höherer Erkenntnis und Zufriedenheit gelangen kann. Den "Gott Buddha" haben fehlinterpretierende Nachfolger aus Siddharta gemacht.
Für meine spirituelle Erkenntnis brauche ich nicht die dummdreisten Erklärungsversuche eines allmächtigen HItlers, Allahs oder Gottes, der mir darlegt, warum ich geschieden bin. Vielmehr brauche ich die Erkenntnis, dass x = x0/√(1-(v/c)2) (Einstein – gilt für x = die Zeit, die Masse. etc.), die mir das, was ich am Sternenhimmel sehe, viel besser erklärt, als irgendwelche "naturphilosophischen" Betrachtungen eines Moses.
Liebe (natürlich auch körperliche), bildende Kunst, Musik und Naturerlebnis sind spirituelle Wahrheiten, die nichts damit zu tun haben, ob man irgendwelche Verse auswendig gelernt hat. (Koran, Bibel, Walhall-Edda, Bhagavadgita oder so…)
Spirituelle Erfahrung ist eindeutig von Religion unabhängig, da es sie in allen Kulturkreisen unabhängig von jeweiliger Götter- oder Dämonengläubigkeit immer gegeben hat.
Die Vergangenheit läßt sich nicht korrigieren (Binsenweisheit), dennoch sind wir dazu verpflichtet, die jetzt lebenden Generationen vor den Auswirkungen dieser Vergangenheit zu beschützen und zukünftige Generationen davor zu bewahren, dass die Fehler dieser Vergangenheit auf ihrem Rücken wiederholt werden.

© Richard Kofler, September 2011

Bildquelle: 11090604_spiritualität_foto.jpg by Richard Kofler 

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