2011

Quo vadis Ägypten ?

k.A.

Quo vadis Ägypten ?

Heute fanden am Tahrir Platz in Kairo erneut Demonstrationen statt , die Jugend meldet sich wieder zu Wort , da ihnen die ersehnten Reformen zu langsam von statten gehen .
Am 25.1. war der Tag des Zorns in Ägypten und der Beginn des Endes der Herrschaft Hosni Mubaraks . Wie wir jetzt wissen , erfolgte der Wechsel für arabische Verhältnisse relativ friedlich .
Durch die Ereignisse in Japan und Lybien ist Ägypten aus den Schlagzeilen verschwunden und es stellt sich die Frage : wie sieht es derzeit aus im Land am Nil , besonders im Hinblick auf die Wahlen im September .

Ministerpräsident der Übergangsregierung ist derzeit Essam Abdel Haziz Sharaf , der vormalige Minister für Transport , durch seine frühere Funktion auch ein Mitglied der Klüngel um Mubarak .

Aber sehr viele Ägypter lieben ihn , da er anlässlich eines fatalen Zugunglücks zurückgetreten ist und somit Rückgrat gezeigt hat ( fast wäre ich versucht zu sagen , das ist mehr als man von einem österreichischen Politiker erwarten kann ) . Ausserdem ist er Gründer der NGO „ Age of Science „ , die Wissen und moderne Wissenschaft in der ägyptischen Gesellschaft fördern soll .

Nun sind ja für den Herbst allgemeine und freie Wahlen geplant ,was bedeutet , daß eifrig Wahlkampf betrieben wird , natürlich auch von Gruppierungen , die dem Westen nicht so recht ins demokratische Bild passen .

Demokratie ist überhaupt der am häufigsten verwendete Begriff in diesen Wochen des Umschwungs in der arabischen Welt , und jeder definiert ihn anders . Wir werden bis September warten müssen , bis wir wissen , was Ägypten darunter versteht .

Die Jugend , die diesen Wandel initiiert hat , ist derzeit hauptsächlich damit beschäftigt , das Hab und Gut ihrer Familien zu schützen , denn die öffentliche Sicherheit liegt in den Händen des Militärs , was dazu führt , daß es vor allem in Alexandria und Kairo zu Plünderungen kommt .
Da während der Unruhen 1000e Häftlinge aus Gefängnissen ausgebrochen sind bzw. nichts gegen die Ausbrüche unternommen wurde mit der vollen Absicht , das Land zu destabilisieren und Mubarak unersetzbar zu machen , ist die Sicherheitslage in manchen Vororten der Großstädte sehr prekär .

In dieser instabilen Lage gerät völlig in den Hintergrund , daß religiöse Konflikte wieder aufflammen , daß sich die koptische Minderheit religiös motivierter Gewalt ausgesetzt sieht und daß sich die Muslimbruderschaft und Salifis um die Meinungsfreiheit rittern .

Nun sind die Muslimbrüder untereinander zerstritten , und im Gegensatz zur langläufigen Meinung im Westen sind sie liberal, soweit das von einer Gruppierung des politischen Islam überhaupt gesagt werden kann .
Ganz anders ist das bei den Salafis , die sich bei der Auslegung des Islam an den „ Altvorderen „
orientieren ( arab.: as-Salaf as-salih -die frommen Altvorderen ) , eine Bewegung , die sich in ihrem Verständnis des Islam an der Frühzeit der Religion orientiert und daher von ihren Anhängern als unverfälscht angesehen wird . Fundamentalismus im reinsten Wortsinn , da viele Jahrhunderte theologischer Entwicklung ignoriert werden, um direkt zu den Quellen Koran und Sunna zurückzugehen.

Diese Entwicklung läßt befürchten, daß die Demokratie in Ägypten wohl eine werden wird ,
die wir uns alle nicht für dieses Land wünschen , nämlich eine islamische Demokratie , was ja meiner Meinung nach ein Oxymoron ist .

Die Revolution von Jugend und Frauen ( sic ! ) wird von Islamisten usurpiert , eine Revolution , die von Freitagsgebeten ausgeht , läßt wohl nichts Anderes erwarten .

Die Zukunft möge mich eines Besseren belehren , vielleicht gelingt es ja säkulären Kräften wie z.B. der Wafd Partei (von arabisch ‏وفد‎Wafd, ‚Delegation‘ ) , die auch in den ägyptischen Medien als liberal gilt , die Wähler von sich zu überzeugen .

Möge die Übung gelingen , viel Glück den Ägyptern beim Aufbau eines neuen , von Polizei – und Militärüberwachung freien Staates , indem nicht die Doktrinen des Korans , sondern die internationalen Menschenrechte in der Gesetzgebung verankert sind .

Edith Bettinger
 

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