2011

Missbrauch und Indoktrinierung

k.A.

Es kostet viel Überwindung, einzugestehen, dass man missbraucht wurde. Missbraucht worden zu sein heißt ja, dass man sich nicht genug widersetzte. Und besonders schlimm ist es, wenn man selbst an dem, was einem da aufgenötigt wurde, zunächst Gefallen fand. Sich verführen lassen und dann über die Verführung klagen wirkt doppelbödig.
Sexueller Missbrauch ist oft Vertrauensmissbrauch, und gerade das macht es besonders schlimm. Nicht, dass rohe Gewalt weniger schlimm wäre, jedes hat seine eigene Tragik.
Sexueller Missbrauch war lange ein Tabu - aus Sicht der Opfer ein gehasstes, aber unabwendbares Vorrecht Mächtiger. Die Opfer können sich aus verschiedenen Gründen nicht wehren: Die Unwissenheit, wohinein sie da gezogen werden, verwehrt ihnen eine rechtzeitige entschiedene Distanzierung. Eine "Umgebung", die dabei wegsieht, es für nicht so schlimm oder gar für unmöglich hält, lähmt sie zusätzlich.
Viele werden sich des Unrechts erst spät bewusst. Sie empfinden Scham, ehe sie sie deuten können, fühlen sich mitschuldig. Sie waren ausgeliefert dem Verlangen dessen, der ihnen aufnötigte, was ihm gefiel. Sie waren irritiert - durch Versprechungen vielleicht, dass es gut für sie beide sei; durch Andeutungen, was für schlimme Folgen es hätte, würde nicht mitgetan.
Der Täter zeigt oft wenig Einsicht. Zu dringend war sein Bedürfnis, zu wenig erkennt er, wie sehr das Opfer zu leiden hat.
Missbrauch heißt, das Opfer soll nach dem Willen des Täters eine Rolle übernehmen. Das Opfer wird benützt für Zwecke, für die es sich selbst nicht entscheiden würde und die es früher oder später als leidvoll, falsch und schädlich erkennt. Die Psyche des Opfers wird nachhaltig gestört, die schamvolle Aufarbeitung des Geschehenen kann das ganze Leben währen.
Aber nicht jeder, der verführt wurde, fühlt sich missbraucht.
Sexueller Missbrauch ist nicht der einzige Übergriff, auf den diese Schilderung passt. Indoktrinierung ist ein Übergriff auf seelisch-geistiger Ebene mit potentiell ähnlich fatalen und nachhaltigen Auswirkungen. Auch bei ihr wird Vertrauen missbraucht, und den Opfern fehlt Wissen und Freiheit zur klaren Zurückweisung. Je vertraulicher der Indoktrineur sich nähert, desto weniger erkennt das Opfer, worauf es sich einlässt, und desto wirksamer kann die Indoktrinierung werden.
Welche geistigen Inhalte es sind, die dem Indoktrinierten schaden, kann sehr verschieden sein. Es wird auch nicht jede Indoktrinierung vom Indoktrinierten als schädlich empfunden. Es gibt Menschen, die stalinistisch indoktriniert glücklich gelebt haben genauso, wie sich Leute in Sekten wohl fühlen oder in den etablierten Religionen.
Sexueller Missbrauch ist geächtet und riskant und heute daher meist eine Tat Einzelner oder kleiner Gruppen. Indoktrinierung dagegen ist etabliert, wenn der zu indoktrinierende Inhalt gesellschaftlich etabliert ist. Der Nutzen solcher Indoktrination ist für die Indoktrineure größer und nachhaltiger, ein Risiko wie beim sexuellen Missbrauch gibt es nicht. Der Übergriff kann öffentlich vollzogen werden, die Missbraucher fühlen sich im Recht. Sie geben ja nur das weiter, was offiziell geachtet ist - auch wenn es jemandem das Leben ruiniert.
Der geistige Missbrauch sichert den Haupttätern sogar Lebensunterhalt, Ansehen und innere Zufriedenheit.
Wie bei sexuellem Kontakt ist es auch im Geistigen schwierig, klar zwischen Missbrauch und legitimer Annäherung abzugrenzen. Welche Lehre darf jemandem aufgenötigt werden, ohne dass der sich hinterher darüber beschweren darf? In welchem Alter darf ihm das zugemutet werden? Unter welchen Voraussetzungen?
Umgekehrt: Wer darf sagen, dass er sich missbraucht fühlt? Verdacht auf unlautere Motive steht immer da. Und regelmäßig verteidigen sich die des Missbrauchs Beschuldigten damit, das "Opfer" habe bereitwillig und voll Freude mit getan.
Es ist nicht möglich, Erfahrungen zu kennen, die man nicht hinter sich hat. Wer sexuell missbraucht wurde, kann sich noch am ehesten vorstellen, wie es ihm ginge, wenn es nicht gewesen wäre. Wer es nicht wurde oder sich durch einen Übergriff nicht geschädigt fühlt, kann sich kaum vorstellen, wie ein Missbrauchsopfer leidet. 
Wer sich nicht für sein ganzes Leben betrogen wähnt, weil er nicht das Gefühl hat, von Anfang an geistig "auf die falschen Schienen gesetzt" worden zu sein, sollte so ein Gefühl eines anderen daher nicht leichtfertig abtun. Erleichterung für das Opfer gibt es erst dann, wenn andere diese Klage als berechtigt anerkennen.

Autor: Dipl. Ing. Dr. Hermann Geyer, Jahrgang 1951, ist Systemanalytiker.

(Hermann Geyer, derStandard.at Leser-Kommentar, 5.7.2011)

« zurück