2011
Der VAuA und die Verpflichtung, verständliche Wahrheit zu sprechen
Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Kann ja gar keine Rede davon sein: Die griechische und auch andere Bevölkerungen – ja sogar die USAs – leiden unter einem Kapitalismus, in dem den Schuldigern aber schon gar nicht vergeben wird. Wo kämen wir denn da hin, wenn die Schuldigen ihren Schuldnern ihre Schulden vergeben würden? Wenn wir das System von Schuldigen, Schuldeintreibenden und Schuldnern – das wir übrigens mit Turbokapitalismus, Neoliberalismus und Wirtschaftsglobalisierung beim Namen nennen – ersetzen würden durch ein System, in dem die Schuldigen anstatt an der Küste Nizzas mit ihren Luxusyachten Ausfahrten zu unternehmen zur Verantwortung gezogen würden für ihre Schuld? In dem dieser Bevölkerung das, was sie erwirtschaftet hat mit harter körperlicher und geistiger Arbeit, zurückgegeben würde, anstatt sie abzuspeisen mit "Ablenkung" à la Queen, Sarkozy, Benedikt und Merkel und den ach so interessanten Generationsfolgen der ach so liebenswerten Königshäuser-Ottos, Monaco's Formel I und Hansi Hinterseer's musikalischem Einlauf?
Was soll eine materiell gepeinigte österreichische Pensionistin oder ein ebensolcher Arbeitsloser anfangen mit den mittäglichen Börsenindizes, wenn sie/er sich dazwischen entscheiden muss, ihre/seine Wohnung zu heizen oder etwas zum Essen einzukaufen? (Im Sommer die Wohnung zu kühlen, ist trotz großer technologischer Fortschritte einer "besseren" Schicht (Klasse) vorbehalten. Ausserdem ist das aus ökologischer Sicht in höchstem Maße bedenklich.) Die Leute des Ostens haben sich entschieden, ihr System sozialer Absicherung (Essen, Trinken, Wohnen, Heizen und Arbeitsplatz) einzutauschen gegen die via Satellitenfernsehen versprochenen (aber nie gehaltenen) Illusionen einer eine virtuelle Welt vorspiegelnden TV-Werbung.
Diese Versprechungen sind genauso virtuell wie das Paradies, das ich erreiche durch Gefügigkeit gegenüber Inquisition, Hitler, Glaubenskongregation, Dschihad oder sonstigen Lügnern.
Das ist doch seit unzähligen Generationen dasselbe Schema, nach dem diejenigen belogen und hintergangen werden, die Tag für Tag – Jahr um Jahr die infrastrukturellen Maßnahmen umsetzen, die das Überleben einer vorhandenen Gesellschaftsordnung benötigt. Wo ihnen eingeredet wird, sie dürften nicht einmal neidvoll nach den Rosinen im Kuchen (den sie gar nicht kennen) blicken.
Wir wollen uns nun den Mitteln widmen, wie ihnen das beigebracht wird. Das ist noch immer das gleiche Schema, wie es die Proletenpassion der Schmetterlinge klar geoffenbart hat: Unser (kapitalistisches) Weltschema beruht auf der Vorenthaltung von Bildung. Wenn einem im Geschichtsunterricht beigebracht wird, wie Jean-Jacques Rousseau's Prinzessin die wunderbare Frage gestellt hat: Warum essen sie dann nicht Kuchen? Ja – warum essen sie denn nicht Kuchen? Weil die, die den Kuchen absahnen und konsumieren, den wehrlosen Unterdrückten das Brot wegnehmen müssen, um ihren Kuchen zu organisieren. Anjezë Gonxhe Bojaxhiu ("Mutter Teresa") hätte angeblich beim Papst gebettelt um Almosen, ihr Hospital in Kalkutta dazu zu benutzen, den Ärmsten der Armen ein Sterben in Würde zu ermöglichen – so die Klerikalpropaganda aus Zeitungs-, Internet-, Radio- und TV-Schleim. Fundamentale Logik ist allerdings nötig, um zu erkennen, dass das Schema von Exploitation und Ausgebeuteten sich nur dann ändern kann, wenn die Strukturen dieses Schemas zerbrochen werden. Und unser Bildungssystem ist darauf aufgebaut, den an dieser Sozialstruktur Beteiligten diese Logik vorzuenthalten. (Falls Sie mich jetzt missverstanden haben – ich sage dies, um Claudia Schmidt den Rücken zu stärken.) Bessere Ergebnisse der Pisa-Studie sind nur zu erwarten, wenn wir den heranwachsenden Jugendlichen die Wahrheit wenigstens anbieten.
Fehler sind unvermeidlich: das Kristendumm, der Is-lahm, die Genitalverstümmelung, der Turbokapitalismus – aber auch Tschernobyl – sind solche Kapitalfehler. Die Menschheit als Ganzes wird nur in der Lage sein, solche Fehler zu korrigieren, wenn wir die zukünftigen Generationen mit dem ausstatten, was sie am nötigsten brauchen: mit Bildung!
(noch eine Ergänzung: VAuA heisst Verein zur Abschaffung unverständlicher Abkürzungen)
© Richard Kofler 2011-08-13
Bildquelle: hlwtulln (upload by Richard Kofler)
