2011
Ägypten quo vadis, Teil II
Vergangenen Freitag fand wieder eine Grossdemonstration am Tahrir Square statt, diesmal allerdings ohne die Aufmerksamkeit der westlichen Medien.
Ein E.coli Bakterium stahl der Jugend in Ägypten den Platz in Printmedien und Fernsehen.
So lief eine weitere Massendemo der Jugend ohne Berichterstattung jener Journalisten ab, die so gerne vom „arabischen Frühling“ texten.
Da ist der Wunsch Vater des Gedankens, denn von Frühling ist weit und breit nichts zu bemerken,
ich würde es eher arabischer Herbst nennen, denn die winterliche Kälte steht allen bevor, die sich in Ägypten für mehr Freiheit und Menschenrechte engagieren.
Die Kälte der Muslimbrüder macht sich jetzt schon breit, obwohl noch gar keine Wahlen stattgefunden haben. Gehetzt wird schon reichlich, so haben führende Köpfe dieser Gemeinschaft zum Boykott der Demonstrationen aufgerufen, da sie die revoltierende Jugend als von außen gelenkte, Säkularisten, Atheisten und Kommunisten verunglimpft haben. Die Ironie dabei ist, dass es ja aus unserer Sicht nicht schlecht wäre, würden die zigtausenden auf dem Tahrir Platz das als Anliegen für Ihren Protest haben.
Fakt ist, dass nur eine kleine Minderheit säkulare Anliegen vorbringen will. Die liberalen Politiker haben sogar dezidiert davon Abstand abgenommen, für einen säkularen Staat einzutreten, sie sprechen jetzt von „Zivilgesellschaft“, denn das Wort Säkularismus hat wirklich in Ägypten die Konotation Atheismus und Kommunismus, wobei ersteres das verwerflichere ist.
Fakt ist auch, dass die Muslimbrüder erst vor kurzem ihr Hauptquartier gewechselt haben, von einer einfachen Wohnung in Vorortelage in eine Villa in einer weitaus teureren Gegend. Diese Übersiedlung wurde mit allem Pomp gefeiert, wobei viele Persönlichkeiten der arabischen und muslimischen Welt zu Gast waren, ebenso wie die Medien. Das zeigt deutlich die Bewegung der Muslimbrüder von Geheimhaltung und Randstellung hin zu Öffentlichkeit und Machtteilung!
Das Vakuum, das die Entmachtung Mubaraks hinterlassen hat, wird geschickt von der bisher verbotenen Bewegung ausgefüllt, deren Gründer Hassan al-Banna einen 3 Stufenplan zur Errichtung eines islamischen Staates hinterlassen hat: die Ideologie breit gestreut unters Volk bringen, Machtergreifung (wenn es sein muss auch durch Wahlen) und die Implementierung der Sharia in die Verfassung.
Das Erreichen der zweiten Stufe steht unmittelbar bevor, die Muslimbrüder wünschen sich 50 % der Sitze im Parlament, Analysten rechnen damit, dass sie 30 bis 40 % erlangen können. Für den Fall, dass die Salafisten auch in der Regierung vertreten sein werden, ist mit Koalition dieser extremen Kräfte zu rechnen und einem Gottesstaat steht nichts mehr im Wege!
Erfreulicherweise sind die Moslembrüder untereinander zerstritten, denn es konnte bis jetzt keine einheitliche Linie darin gefunden werden, ob man öffentlich kommunizieren soll, dass die Sharia in die Verfassung aufgenommen werden oder ob man vorerst darüber Stillschweigen halten soll.
Man kann auch einwenden, dass die Moslembrüder in einer Regierung Kompromisse und Abschläge machen müssen, das ist aber westliche Blauäugigkeit und Wunschdenken, fürchte ich.
Wenn man bedenkt, dass eine bisher politisch verbotene und verfolgte Gruppe den Geruch der Macht zu schnuppern bekommt und dass diese Gruppe den Islam als Leitbild hat, dann ist wahrscheinlicher, dass Ägypten nicht zur Demokratie, sondern zur Theokratie wird!
Aber vielleicht irre ich mich ja und Allah hat ein Einsehen und verschont das Land am Nil vor noch schärferer Geschlechtertrennung und noch weiterem Rückfall in Fatwas und Sharia.
Edith Bettinger
