2010
Weihnachtsgeschichte – ein frommes Märchen
Die Faktenlage gibt reichlich Anlass zur Skepsis: Zur Geburt Jesu gibt es keine historisch unabhängigen Quellen. Selbst in der Bibel erwähnen nur 2 der 27 Bücher des Neuen Testaments – die Evangelien nach Matthäus und Lukas – die Geburtsgeschichte. Die übrigen 25 Bücher inklusive der Evangelien nach Markus und Johannes schweigen hierzu. Allerdings widersprechen sich die beiden Versionen nicht nur gegenseitig, sondern unterscheiden sich zudem erheblich von populären Erzählungen, wie wir sie etwa von Krippenspielen kennen.
In Matthäus will sich Joseph von Maria trennen, bis ein Engel ihm sagt, dass der Heilige Geist der Vater des werdenden Kindes ist. Herodes erschreckt beim „Aufgehen eines Sternes“, da er den Neugeborenen als Konkurrenten fürchtet, und schickt Sterndeuter – keine Weisen oder Hirten! – als Kundschafter aus. Sie gehen in ein Haus (keinen Stall), huldigen Jesus und bringen ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben. Entgegen ihrem Auftrag halten sie den Aufenthaltsort Jesu gegenüber Herodes geheim. Um den Konkurrenzen dennoch auszuschalten, ordnet Herodes die – geschichtlich unbelegte – Ermordung aller Knaben unter zwei Jahren an und die junge Familie muss nach Ägypten fliehen. Was nicht in der Bibel steht: Der historische Herodes starb im Jahre 4 v. u. Z., zehn Jahre vor der Volkszählung durch Augustus im Jahre 6 n. u. Z.
Lukas erzählt eine andere Geschichte. Joseph und die hochschwangere Maria kommen wegen einer Volkszählung nach Bethlehem. Maria bringt dort ihr Kind zur Welt und muss es in eine Krippe betten, weil in der Herberge kein anderer Platz zur Verfügung steht. Kein Stern, sondern ein Engel weist den Hirten den Weg zu Jesus. In Lukas 2, 39 lesen wir weiter:
„Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt (d.h. den Neugeborenen in Jerusalem u.a. im Tempel dargestellt hatten), kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth zurück.“
Nach Lukas gab es keine Sterndeuter, keine Flucht nach Ägypten, die Tötung der Kinder findet keine Erwähnung.
Es kursieren also drei unterschiedliche Legenden: Die von Matthäus, die von Lukas und die populäre Weihnachtsgeschichte. Wie kam es dazu? Die Evangelien nach Matthäus und Lukas gehen vermutlich auf zwei ältere Dokumente zurück, erkennbar an übereinstimmenden Passagen: Ein „Proto-Markus“ als frühe Version des Markus Evangeliums und eine verschollene Quelle genannt „Q“, die, wie das Thomas Evangelium, Jesus-Sprüche enthält. Beide beginnen erst ab der Verkündungszeit Jesu. Da die Autoren des Matthäus- und des Lukas-Evangeliums zum Ziel hatten, Jesus als Messias darzustellen und die alttestamentarischen Prophezeiungen als Geburtsort des künftigen Messias Bethlehem nennen, wurden diese Evangelien nachträglich um entsprechende Geschichten ergänzt.
Lukas lässt Maria und Joseph von Nazareth wegen der Volkszählung nach Bethlehem kommen und später nach Nazareth zurückkehren. Bei Matthäus hat Joseph Angst, aus Ägypten nach Bethlehem zurückzukehren. In Matthäus 2, 22 lesen wir:
„Als er (Joseph) aber hörte, dass in Judäa Archelaus an Stelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa und ließ sich in einer Stadt namens Nazareth nieder.“
Beide Evangelien vernküpfen die Angaben “Bethlehem als Geburtsort” und “Jesus als Nazarener”, jedoch auf ganz unterschiedliche Weise. Das populäre Krippenspiel ist ein modernes Amalgam der Evangelien mit weiteren kursierenden Geschichten.
Der britische Jesus-Experte George Albert Wells weist in seinem neuesten Buch „Cutting Jesus Down to Size“ darauf hin, dass die Geburtsgeschichten beider Evangelien noch nicht einmal mit späteren Angaben in den jeweils gleichen Evangelien übereinstimmen. Als Beispiel nennt er Matthäus 13:
„Da staunten alle und sagten: Woher hat er diese Weisheit und die Kraft, Wunder zu tun? [..] Heißt nicht seine Mutter Maria und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder? [..]Woher also hat er das alles?“
– offenbar in Unkenntnis seiner wenige Kapitel zuvor geschilderten spektakulären Geburt.
In seinem neuen Buch „Der Jesuswahn“ schreibt der Theologe Heinz-Werner Kubitza:
„Das ganze Weihnachtsfest entbehrt jeder historischen Grundlage“.
Die Geschichten um Jesu Geburt seien ein
„Konglomerat aus Geschichtsirrtümern, Wunschdenken und Dogmatik“, „historisch wertlos“ und „aus frommer Fantasie erfunden“.
Was sollen wir nun in diesen Tagen feiern? Erfreuen wir uns einfach an den Legenden und nehmen sie als das, was sie sind, nämlich erdachte Geschichten. Nutzen wir die Auszeit, um in der Familie oder unter Freunden ein paar schöne Tage zu verbringen, uns zu entspannen und uns auf das kommende Jahr vorzubereiten. Vielleicht nimmt der eine oder andere sich auch die Zeit zu überlegen, was er oder sie im kommenden Jahr tun kann, um unseren Planeten zu einem besseren Ort für uns alle zu machen, oder das Los einzelner Menschen zu verbessern. Ganz unabhängig von säkularen oder religiösen Märchen.
Quelle: gwup.net
Foto: wikipedia.de
