2010

Studie: Kirche vertuschte Missbrauch

rkk_gewaltstatistik

Mein Vorgänger in der Pfarre Reisenberg im Bezirk Baden war pädophil. Er wurde 1965 verurteilt, saß in Wiener Neustadt im Gefängnis und wurde danach in den Norden versetzt. Das war die damals gängige Vorgangsweise der Kirche", erzählt Pfarrer Rudolf Schermann über die gängige "Vertuschungsstrategie" des Klerus.

Die Mittwoch präsentierte Studie "Missbraucht, ignoriert, diffamiert" sieht in dieser organisierten kirchlichen Vertuschung den Grundstein des Jahrzehnte langen sexuellen Missbrauchs sowie der erschreckenden Gewalt-Exzesse.

Studienautor und Psychologe, Philipp Schwärzler befragte 482 Opfer: "63 Prozent der dabei als Täter genannten Personen waren geweihte Priester. Es scheint, als stellen gerade Priester das größte Gefährdungspotenzial für Kinder dar."

Kleinkinder als Opfer
Vor allem das Alter der Betroffenen zeigt die Skrupellosigkeit der Täter. Zwölf Prozent der Opfer waren zu Beginn der Übergriffe sechs Jahre und jünger. Der Großteil der Misshandlungen (79,5 Prozent) ereignete sich zwischen dem siebenten und dem 14. Lebensjahr. Mädchen sind vor allem zwischen dem sechsten und achten, Burschen zwischen dem zehnten und zwölften Lebensjahr gefährdet.

Der Großteil der Misshandlungen (55,8 Prozent) fand in katholischen Internaten und Heimen statt. Der Rest wurde bei Jugendarbeit, Seelsorge und im Rahmen des Ministrierens gemeldet. Häufig handelte es sich um Kinder aus sozial schwächeren Schichten. Schwärzler: "Wenn sich ein Kind seinen Eltern anvertraute, bezog es meist Prügel. Auch die Kirchenvertreter schlugen zu und brachten so die Opfer zum Schweigen."

Martyrium
Die Studie belegt auch, dass die Übergriffe alles andere als einmalig waren. Für über 43 Prozent der Opfer dauerte das Martyrium zwischen zwei und fünf Jahre. Mehr als 16 Prozent der Befragten litten unter den Qualen bis zu zehn Jahre. Gewalt und Misshandlungen passierten in allen Bundesländern. Dabei führen Oberösterreich und Wien die traurige Reihung an.

Vor allem die kirchliche interne Mauer des Schweigens schützte die Täter über Jahrzehnte. "Selbst strafrechtlich verurteilte Priester wurden wieder in Orden und Internaten eingesetzt. Diese Leute wurden danach wieder straffällig. In der Kirche hatten Kindesmissbraucher eine Jobgarantie", so Schwärzler.

Der Psychologe und Gerichtssachverständige Holgar Eich, sprach mit mehreren Opfern kirchlicher Gewalt: "Diese Menschen haben, Jahrzehnte nach den Übergriffen noch immer Angst. Denn sie wurden von ihrem Umfeld, als sie Hilfe suchten, mundtot gemacht."

Kritik am Papst
Für Pfarrer Rudolf Schermann ist die nicht akzeptierte Lebensrealität der Kirche und vor allem der Kirchenführung die "Basis für Perversität und Gewalt": "Die Priesterschaft geht mit den Meinungen von Papst Benedikt nicht konform. Es gibt aus Rom noch immer kein klares Votum für die Opfer."

Die Abschaffung des Zölibats sehen Schwärzler, Eich und Schermann nicht als Allheilmittel: "Pädophile Veranlagungen müssen früher erkannt werden. Zureden hilft in solchen Fällen nichts. Hier hilft nur der Ausschluss der betroffenen Personen." Psychologe Schwärzler appelliert auch an die Eltern: "Sie müssen das Wohlergehen ihrer Kinder immer im Auge behalten." Auch an der Klasnic-Kommission wurde Kritik laut: "Eine von der Kirche eingesetzte Kommission kann die Verbrechen des Klerus nicht seriös genug untersuchen."

Quelle: Kurier

« zurück