2010
Demonstrativ katholisch
Man bräuchte keine Ostereier im Supermarkt, um zu merken, dass Ostern ist. Man muss nur öffentlich-rechtliche Radio aufdrehen. Sogar Ö1, ein werbefreier Qualitätssender mit bemerkenswerter Reichweite, ein Lichtblick des heimischen Journalismus, mutiert zum Religionssender.
Dass Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg in den "Gedanken zum Tag", einer religionsaffinen Sendung kurz vor sieben Uhr früh, während der Karwoche das Pessah-Fest erklärt, wird schon fast zum Akt des Widerstands gegen den demonstrativen Katholizismus, den das offizielle Österreich wieder einmal an den Tag legt. Wenigstens haben Eisenbergs Ausführungen einen informativen Charakter. Wer kennt sich schon mit jüdischer Mythologie aus? Nur selbst damit ist es am Gründonnerstag vorbei. Da ist das Radio wieder stramm auf katholischer Linie.
Den Gipfel erreicht das am Karfreitag. Um fünfzehn Uhr, zur ominösen "neunten Stunde" des Neuen Testaments, gibt es auf den öffentlich-rechtlichen Radiosendern eine Gedenkminute. Für Jesus, der, sofern er gelebt hat, laut den historisch wenig zuverlässigen Evangelien um diese Zeit gestorben sein soll. Im Radio verwendet man den Indikativ um das zu beschreiben. Der Mythos wird zum historischen Ereignis, das Radio zum Propagandainstrument einer Religionsgemeinschaft. Gesetzlich ist das alles gedeckt. Ebenso wie die Kirchenglocken, die im öffentlichen Regionalradio jeden Tag um 12:00 Uhr zu hören sind. Dass dort jeden Sonntag eine Messe live übertragen wird, versteht sich von selbst. Das ist Teil dessen, was der Gesetzgeber als Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks versteht.
Die Kronenzeitung, gemessen an der Bevölkerung die auflagenstärkste und meist gelesene Zeitung der freien Welt, steigert ihre Affinität zur katholischen Kirche in der Karwoche ins Unerträgliche. Allerortens lacht ein Pfarrer, Bischof oder Kardinal aus der Zeitung. Und auf Weisung von Herausgeber Hans Dichand verzichtet man sogar auf die berühmte Seite Sieben - das Bild einer nackten Frau, das sonst täglich in der Zeitung zu sehen ist. Nicht immer auf Seite sieben, aber meist irgendwo zwischen den Seiten fünf und elf.
Politische Parteien schicken Presseaussendungen aus, in denen sie frohe Ostern wünschen. Die grundsätzliche ideologische Ausrichtung spielt da eine eher untergeordnete Rolle. Ihre Vertreterinnen und Vertreter suchen für gewöhnlich um diese Jahreszeit besonders deutlich Fotomöglichkeiten an der Seite von Christoph Schönborn, dem Primas der katholischen Kirche in Österreich. Nur heuer zeigt man sich in dieser Hinsicht zurückhaltend. Die katholische Kirche kämpft mit einem Missbrauchs- und Misshandlungsskandal.
Am Land gehen die Kinder "ratschen" - ein Brauch aus den katholischen Teilen Süddeutschlands, der auch in Österreich weit verbreitet ist. Sie tragen oder schieben so genannte Ratschen vor sich her - Instrumente aus Holz, die mit einer Art Zahnradtechnik knarrende Geräusche von sich geben. Ein Ersatz für die Kirchenglocken, die laut katholischer Überlieferung bis Ostersonntag nach Rom geflogen sind.
Am Ostersonntag wird die Ostermesse aus Rom im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen. Katholikinnen und Katholiken können dem Papst zusehen, wie er mit seiner Herde betet. Es wird sich sicher ein Redakteur finden, der den Spruch "Urbi et orbi" - der Stadt und dem Erdkreis - als traditionellen Ostersegen bezeichnet. Demonstrativ katholisch sein stellt nicht sicher, dass man die katholische Lithurgie kennt. "Urbi et orbi" ist ein päpstlicher Segen, der zu praktisch jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ausgesprochen wird.
Dass Protestantinnen und Protestanten am Karfreitag frei haben, ist die einzig merkbare Ausnahme zum demonstrativen Katholizismus der Republik. Für evangelische Kirchen gilt der Tag als Bußtag. Um sicherzustellen, dass die Mitglieder das Recht auf einen freien Tag (seltener auf einen Messbesuch) wahrnehmen können, sind Arbeitgeber angehalten, das Religionsbekenntnis ihrer Beschäftigten zu erfragen.
Die Ausnahmeregel mag mit den vielen katholischen Feiertagen argumentierbar sein. (Dass diese Feiertage auch bezahlt sind, ist übrigens keine Idee der Kirchenvertreter sondern wurde von den Gewerkschaften gegen eine katholisch-konservativ dominierte Regierung erkämpft.) Eine funktionierende Trennung von Staat und Religion belegt das nicht. Es führt eher zu einer Art religiöser Segregation, zumindest an zwei Tagen im Jahr. (Der zweite ist der 31.10., der Konfirmationstag.) Und Angehörige nicht-christlicher Religionsgemeinschaften sind von solchen Privilegien weitgehend ausgeschlossen. Ein Umstand, der in der Karwoche besonders deutlich wird.
Christoph Baumgarten
