2010
ORF-Kombi Religion und Wissenschaft
"Intelligent decision?" oder "Nachricht aus dem medialen Imperium Berlusconis" - Aber auch Vertrauensvorschuss und "keinerlei Sorgen" (derstandard.at)
Wien - Auf gemischte Reaktionen stößt die seit kurzem umgesetzte Entscheidung des ORF, die TV-Wissenschafts- und Religionsabteilung unter eine gemeinsame Führung (von Religions-Chef Gerhard Klein) zu stellen. Manche österreichische Top-Forscher zeigten sich "bestürzt", fragten, ob dies eine "intelligent decision" sei, oder dachten gar, dass diese Nachricht "aus dem medialen Imperium Berlusconis" komme. Andere machen sich dagegen "keinerlei Sorgen" und reagieren mit Vertrauensvorschuss. Wissenschafts- und Religionschef Gerhard Klein selbst zerstreut Sorgen und erklärt, dass die Loyalität des ORF allein den Sehern und dem Rundfunkgesetz gelte.
In Reaktionen ging es den heimischen Top-Forschern weniger um die Personalentscheidung denn um die dahinter liegende Strukturentscheidung. Für die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak handelt es sich etwa um eine "seltsame - typisch österreichische - Entscheidung". "Wenn der Staat immer weniger Geld für die Wissenschaft zur Verfügung stellt, dann braucht der ORF anscheinend auch keine eigene Abteilung für Wissenschaft mehr", meinte sie und fragt sich, "ob Wissenschaft nun zu einer Glaubensfrage wird" und das eine "intelligent decision" ist.
Qualitätsverständnis
Objektiver Wissenschaftsjournalismus ist für den Genetiker Markus Hengstschläger keine Frage der Strukturen, sondern basiere auf dem Qualitätsverständnis, dem Können und der journalistischen Ethik der handelnden Personen. "Wenn das auch leider im Einzelnen nicht immer optimal ist, so mache ich mir im konkreten Fall keinerlei Sorgen", betonte der Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizin-Uni Wien.
An Nachrichten "aus dem medialen Imperium Berlusconi's" fühlte indes sich die österreichische Wissenschaftsforscherin und Präsidentin des European Research Council (ERC), Helga Nowotny, bei der Mitteilung über die gemeinsame Leitung von TV-Wissenschaft und Religion erinnert. "Doch dann wurde mir klar, dass es wahrscheinlich nicht so sehr ideologisch, kommerziell oder politisch motivierte Hintergründe sind, sondern bestens zum Land der 'Unüberwindlichen' passt", verweist Nowotny auf Karl Kraus' gleichnamiges Drama mit den Figuren "Hinsichtl" und "Rücksichtl".
Der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger kann sich dieser Position Helga Nowotnys nur "voll anschließen". Ob diese Entscheidung etwas mit dem "nicht unverkrampften Verhältnis von Wissenschaft und Religion" zu tun hat, "wage ich als gelernter Bürger dieses Landes der Unüberwindlichen zu bezweifeln. Allerdings gäbe es genau zu diesem Thema einiges zu sagen, um das Verhältnis zu entkrampfen", so Zeilinger.
"Zurück in die 1950er Jahre"
"Bestürzt über diese Entwicklung" zeigte sich der Sozial- und Kulturanthropologe und Wittgenstein-Preisträger Andre Gingrich. Andere öffentlich-rechtliche Sender im deutschsprachigen Raum würden den Wissenschaften mehr Raum widmen, weil dies den europäischen Erfordernissen und Zielvorstellungen vom Aufbau einer wissensbasierten Gesellschaft entspreche. "Mit dieser Weichenstellung koppelt sich der ORF vom Weg der EU ins 21. Jahrhundert ab und proklamiert stattdessen 'zurück in die 1950er Jahre'".
Der Wiener Quantenphysiker und Wittgenstein-Preisträger Markus Arndt geht "nicht davon aus, dass der ORF jetzt beginnen wird, 'Intelligent Design' als naturwissenschaftliche Erklärung zu vermarkten. Das würde eher in die Rubrik Kabarett fallen." Für den nach 20 Jahren US-Karriere kürzlich nach Österreich zurückgekehrten Politologen Reinhard Heinisch von der Uni Salzburg kommt es "immer auf die Qualität der Leute an und man sollte den Verantwortlichen auch den 'Benefit of the Doubt'", also einen Vertrauensvorschuss, geben. (APA)
Quelle: http://derstandard.at/1282979677566/Bestuerzt-ORF-Kombi-Religion-und-Wissenschaft
Kommentar von Erich Eder (AG-ATHE)
Informationen über Gerhard Klein (Kirchenzeitung, Diözese Linz):
Seit 9. August leitet Gerhard Klein, der Chef der Hauptabteilung Religion im ORF-Fernsehen, auch die Hauptabteilung „Bildung und Zeitgeschehen“.
„Ich werde meine Arbeit ziemlich umstellen müssen, sonst schaffe ich das nicht“, meint Gerhard Klein zu seiner zusätzlichen Aufgabe im ORF. Seit 1997 leitet er mit zunehmendem Erfolg die Hauptabteilung Religion im Fernsehen. Dabei hatte der engagierte Sendungsmacher noch die Möglichkeit, im journalistischen „Tagesgeschäft“ mitzumischen. Das, so sagt er, werde ihm abgehen, denn nun müsse er sich vor allem auf die „strategische Planung“ konzentrieren. Im neuen, zusätzlichen Verantwortungsbereich stehen mit Bildung, Wissenschaft, Forschung und Zeitgeschichte brennende gesellschaftspolitische Schlüsselthemen auf seiner Agenda. Dass ihm die ORF-Führung diese Aufgabe anvertraue, sieht der 57-Jährige auch als Anerkennung der Qualität der Arbeit in der Religionsabteilung.
Seinen Glauben, so sagt der gelernte Theologe und Anglist und langjährige Ministrant, habe er vor allem von seiner Mutter vermittelt bekommen. „Er trägt und prägt mein Leben wie eine Grundmelodie, die einfach da ist. Ich könnte mir nicht vorstellen, nicht zu glauben.“ Zunächst arbeitete Klein als Religionslehrer und Theologischer Assistent in der ED Wien, von 1983 bis 1988 war er Generalsekretär des Katholischen Zentrums für Massenkommunikation. Seit 1988 ist er beim ORF-Fernsehen, seit 1990 in der Religionsabteilung. Dort setzt er auf einen unabhängigen („Wir sind keine verlängerte Kanzel.“), engagierten, hinterfragenden, attraktiven und wesentlichen Journalismus über Religion(en).
