2010

Land der Lügner

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Dramatische Entwicklung: 75 % glauben nicht an Gott - so titelt das Gratisblatt "heute" seine Interpretation der IMAS-Umfrage. Zitat: Um Himmels willen: Laut der aktuellen IMAS-Studie glauben nur noch 25 Prozent der Österreicher an „einen leibhaftigen Gott, so wie er in der Bibel steht“. Die große Mehrheit kann sich entweder nur eine „geistige Macht“ vorstellen – oder eben gar keinen Schöpfer mehr. Statt Kirchenbindung herrscht heillose Verwirrung! „Jeder fünfte Bürger gab an, dass er nicht weiß, woran er glauben soll“, erklärte ein IMAS-Sprecher. Zitat Ende.

Was an der Freiheit, nicht an Dogmen zu glauben, verwirrend sein soll, bleibt schleierhaft. Zumal sich das IMAS-Zitat eher auf den Agnostizismus beziehen dürfte. Eine Position wie viele andere auch. Sicher nicht verwirrender für Menschen, die sie teilen als klassischer Katholizismus.

Dass nur 25 Prozent der Befragten an einen persönlichen Gott glauben, zeigt, wie sehr letzterer am Rückzug ist. Die anderen etwas mehr als 50 Prozent der Bevölkerung, die einer monotheistischen Religion angehören, vor allem der katholischen Kirche, scheinen es mit religiösen Dogmen nicht allzu ernst zu nehmen.

Dennoch bezeichnen sich in der Umfrage 78 Prozent der Befragten als katholisch, 5 Prozent als evangelisch. Entweder glauben die an einen persönlichen Gott oder sie sind nicht mehr katholisch oder evangelisch. Diese Dinge schließen einander klar aus. Stattdessen scheint eine Religion Marke Eigenbau vorzuherrschen, häufig nach em Prinzip: "Irgendetwas muss es geben". Und die verbindet man dann halt irgendwie mit einer bestehenden Weltanschauung.

Dass sich ein so hoher Prozentsatz der Befragten zur Mitgliedschaft zur katholischen Kirche bekennt, ist überraschend. Tatsächlich waren zu Jahresbeginn 2010 nur mehr 65 Prozent der Bevölkerung Mitglied der katholischen Kirche. Dass der Missbrauchskandal 13 Prozent der Bevölkerung zum Neueintritt bewogen hat, ist eher unwahrscheinlich. Das belegen auch Zahlen des Freidenkerbunds von der Vorwoche. Mit der statistischen Schwankungsbreite wie vielleicht noch bei den etwas überrepräsentierten Protestanten lässt sich die Abweichung nicht erklären.

Als Fehlerquelle bleiben eine fehlerhafte IMAS-Methodik - oder, dass die Befragten schlicht gelogen haben. Sie haben eine "sozial erwünschte" Antwort geben, wie es in den Sozialwissenschaften heißt. Konfessionsfrei zu sein ist keine solche. Dass IMAS so schleißig gearbeitet haben könnte, erscheint angesichts der Reputation des Instituts unwahrscheinlich. Ein grober methodischer Fehler ist den Meinungsforschern dennoch unterlaufen: Laut ihren Untersuchungen gehören 17 Prozent der Befragten "keiner oder einer anderen (als der kath. oder der evangelischen, Anm.)" Religion an. Als ob es zwischen Atheisten, Buddhisten und Muslimen keine großen weltanschaulichen Fragen zu klären gabe. Es wäre interessant zu wissen, inwiefern diese Fragestellung sozial erwünschte Antworten begünstigt.

Positives Signal: Laut der Umfrage sagen 13 Prozent der Bevölkerung, sie würden weder an Gott noch an ein sonstiges höheres Wesen glauben. Wobei auch dieser Wert etwas hoch scheint. In westlichen Ländern liegt der Anteil der Atheisten im Regelfall bei etwa 10 Prozent.

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