2010
Kirchliche Gewalt: Erschütternde Bilanz
Mehrheit der Täter geweihte Priester
Seit ihrer Einrichtung im März 2010 haben sich bei der kirchenunabhängigen Hotline 325 Betroffene gemeldet - 91 Frauen (28 Prozent) und 234 Männer (72 Prozent).
Die Berichte der Opfer ergaben, dass die Mehrheit der Täter geweihte Priester - 264 von 422 bzw. 63 Prozent -, der Rest Ordensfrauen und Mitarbeiter waren.
Tatorte katholische Internate und Heime
Zu 78,2 Prozent waren die Täter Männer. Die häufigsten Tatorte waren mit 55,8 Prozent katholische Internate und Heime. Bei den Männerorden werden am häufigsten Benediktiner und Schulbrüder genannt, bei den Frauen die Barmherzigen Schwestern.
Mit 59,7 Prozent betreffen die meisten Fälle die 60er und 70er Jahre. Viele der Täter sind verstorben, manche jedoch stehen heute noch im Dienst der Kirche.
Sexuelle, körperliche und seelische Gewalt
59,1 Prozent der insgesamt 482 als Gewaltübergriff zu kategorisierende Handlungen betrafen sexuelle Gewalt (57,2 Prozent), körperliche Gewalt (57,1) und seelische Gewalt (32 Prozent).
Oberösterreich ist mit 73 Meldungen der Spitzenreiter, dicht gefolgt von Wien mit 72 Meldungen und Niederösterreich mit 68.
Opfer zwischen sieben und 14 Jahre alt
Häufig handelte es sich um Kinder aus sozial schwachen Schichten. Die Mehrzahl der Betroffenen (43,3 Prozent) gab an, dass sich die Misshandlungen über zwei bis fünf Jahre erstreckten.
Zwölf Prozent der Anrufer waren zu Beginn der Übergriffe sechs Jahre oder jünger. Der Großteil der Misshandlungen (79,5 Prozent) ereignete sich zwischen dem siebenten und 14. Lebensjahr. Die vergleichende Darstellung des Alters bei Buben und Mädchen zu Tatbeginn zeigt, dass die Mädchen zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr besonders gefährdet schienen, Opfer von Gewalt zu werden, während das bei den Buben zwischen dem zehnten und zwölften Lebensjahr der Fall war.
Mit der Hölle gedroht
40,4 Prozent forderten die Betroffenen auf zu schweigen. Immerhin ein Viertel der Täter drohte mit der Hölle, mit Gewalt oder mit Versündigung, sollten die Kinder über die erlittene Gewalt sprechen. Auch Vergünstigungen wurden oft gewährt.
Unabhängige Kommission gefordert
Einmal mehr wird eine unabhängige Kommission gefordert. Dass sich der Staat zurückgezogen und die Aufklärung der Kirche selbst überlassen habe, stößt bei der Plattform auf Unverständnis. Damit mache man den "Bock zum Gärtner", so der Psychologe Philipp Schwärzler, Verfasser des Berichts.
"In keinem anderen Bereich wäre es denkbar, dass eine in Verdacht geratene Institution selbst die Leitung einer Untersuchungskommission bestimmt", sagte Schwärzler.
"Missbraucher hatten Jobgarantie"
Angesichts der Zahlen könne man nämlich nicht von einzelnen "schwarzen Schafen" sprechen, sondern von einem "Versagen der Institution katholische Kirche", so Schwärzler.
Es sei jahrelange Praxis gewesen, auffällig gewordene Priester einfach zu versetzen. Dass "Missbraucher eine Jobgarantie" bei der Kirche hatten, sei ein "zutiefst bedrückendes Resümee".
Quelle: ORF
Pressetext, Quelle: www.betroffen.at
