2010
Homöopathie – ein gutes Placebo
An der von Samuel Hahnemann entwickelten Homöopathie scheiden sich die Geister. Durch eine spezielle Verdünnungstechnik – so glaubte er – könnte er die Wirkung seiner Medizin verstärken. Die Naturwissenschaft sagt heute: da ist ja gar nix mehr vom Wirkstoff drin. Kein einziges Molekül, so stark sind die meisten Homöopathika verdünnt. Nur: an den vielfach berichteten Heilerfolgen kann man auch nicht so einfach vorbei.
Das einfach mit dem Hinweis: „Placeboeffekt“ abzutun ist zu billig. Schließlich hilft die Homöopathie offenbar gerade in vielen Fällen, in denen die Schulmedizin nicht so richtig funktioniert. Wir haben versucht, das erstaunliche Phänomen besser zu verstehen.
Zu Beginn ein umfangreicher Fragenkatalog
Intensiv: eine homöopatische Behandlung beginnt immer mit einem ausführlichen Arztgespräch.Im Kinderspital der Uniklinik München treffen wir Anne Frankenstein. Ihre kleine Tochter Fides hat Schnupfen. Nichts Schlimmes! Doch die Kinderkrankenschwester Frankenstein nimmt es zum Anlass, ihre Tochter zu Sigrid Kruse zu bringen. Die Ärztin arbeitet seit vielen Jahren mit Homöoptahie. Und hat jetzt Gelegenheit, sich ein Bild von Fides zu machen. Ein ganzer Fragenkatalog wird abgearbeitet: Was ist Fides für ein Typ? Kuschelt sie gerne? Wie verhält sie sich gegenüber anderen Kindern? Wie verhält sie sich, wenn man ihr Spielzeug wegnimmt? Aber natürlich auch Fragen zur „Krankheit“: Kann sie nachts atmen? Läuft die Nase? Was genau kommt da heraus?
Eine Stunde Zeit nimmt sich Dr. Kruse, um sich ein Bild von ihrer Patientin zu machen, um das passende Globuli zu finden. Dass die ganze Homöopathie von ihren schulmedizinischen Kollegen als Placeboeffekt abgetan wird, akzeptiert sie nicht. Sie sieht die Erfolge: „Wir haben auch sehr eindrucksvolle Wirkungen bei Frühgeborenen wir haben ja eine enge Zusammenarbeit mit der Frühgeborenenstation. Und da geben wir beispielsweise Homöopathie, wenn ein Kind sehr unruhig ist und sich sehr verausgabt. Das funktioniert und das Kind schläft ein, da ist in dem Alter mit dem Placeboeffekt nicht sehr viel zu erreichen.“
Erfolge nur Einzelfälle?Sind die Erfolge, die die Homöopathie zu verzeichnen hat, nur Einzelfälle? Werden die Misserfolge ausgeblendet oder verschwiegen? In der renommierten Berliner Charité gibt es Deutschlands einzige Professur für Komplementärmedizin.
Dort forscht die Professorin Claudia Witt. Sie hat sich besonders intensiv mit der Studienlage zur Homöopathie beschäftigt. Und eins geht aus den wissenschaftlichen Studien ganz klar hervor, sagt sie. Homöopathie wirkt: „ Wenn man beobachtet, wie es den Patienten im Verlauf der Behandlung geht, sieht man deutliche Verbesserungen. Man sieht auch, wenn man homöopathische Behandlungen mit schulmedizinischen Behandlungen vergleicht, das ist für einen kleinen Teil der Behandlungen geschehen – dass die homöopathische Behandlung fast ähnlich gut abschneidet.“
Vergleich: Homöopathie gegen PlacebosAber – so merkwürdig das klingt: das reicht der Wissenschaftlerin nicht. Es könnte ja nur ein Placeboeffekt sein. Die Placeboforschung hat gezeigt, dass der Glaube an Medizin erstaunlich starke Wirkung haben kann. Und es gibt eine Möglichkeit, das zu testen, sagt Claudia Witt: „Da ist es natürlich naheliegend, nachzuschauen, ob homöopathische Mittel wirksamer sind als Placebos. Das ist in über hundert Studien gemacht worden. Und das Ergebnis ist ungeheuer heterogen. Man hat positive Studien, man hat negative Studien – die Qualität der Studien ist insgesamt nicht sehr hoch. Und wenn man das zusammenfasst, kann man eigentlich sagen, dass es bis heute nicht nachgewiesen ist, dass homöopathische Arzneimittel wirksamer sind, als ein Placebo.“
Eine bittere Pille für die Homöopathie: Wenn man Globuli in wissenschaftlichen Studien gegen Placebo-Zuckerkügelchen antreten lässt, dann wirken sie mal besser als das inhaltslose Placebo, mal wirken sie schlechter als das Placebo. Mal besser als nichts, mal schlechter als nichts: Im Schnitt bedeutet das: Die Globuli wirken in Wirklichkeit nicht.
Das Rätsel um die „heilsame Information“ der Globuli
Der Begründer der Homöopathie Samuel Hahnemann beschrieb unzählige Globolis.Aber warum ist die Homöopathie dann trotzdem so erfolgreich? Wenn der Placeboversuch zeigt, dass die kleinen Zuckerkügelchen an sich wirkungslos sind? Schließlich gibt es auch keine wissenschaftliche Erklärung wie die Kügelchen „heilsame Information“ tragen könnten, wie die Homöopathen annehmen.
Um zu verstehen, warum die Homöopathie trotzdem so erfolgreich ist, hilft ein Blick auf die Arzneimittellehre des Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann. In diesem mehrbändigen Werk sind abertausende Symptome und Hinweise beschrieben. Das reicht von „nächtlicher Harnfluss“ über „reissender Schmerz“ bis zu „hat Angst beim Gehen im Freien“. Diese Symptome helfen – glauben die Homöopathen – zu erkennen, wie der Patient tickt. Was für ein “Konstitutionstyp” er ist. Was für ein Beschwerdebild genau vorliegt. Diese Informationen sollen dann zu den passenden Globuli führen.
Gesprächsritual zwischen Arzt und PatientBeim Abfragen dieser Hinweise ergibt sich ein Gesprächsritual zwischen Patient und Homöopath und führt zu einem besonders intensiven Verhältnis. Patienten – oder auch ihre Eltern – bekommen das Gefühl, endlich einmal mit all ihren Sorgen ernst genommen zu werden. Werden zuversichtlich. Und das ist ein mächtiges Werkzeug der Heilkunst. Das Bestätigt auch die Komplementärmedizin-Forscherin Claudia Witt: „Homöopathie kann man ja generell als eine sprechende Medizin bezeichnen. Das heißt, hier spielt der Kontakt zwischen Arzt und Patient eine ganz wesentliche Rolle. Einmal für die Findung des homöopathischen Arzneimittels für die Behandlung, aber auch für den Patienten, dass er ausführlich seine Symptome schildern kann, dass er einen Arzt hat, der ihm länger zuhört.“
Erwartungshaltung des Patienten
Versprechen Heilung: Globolis.Dieser intensive Kontakt führt dazu, dass am Ende die homöopathischen Kügelchen zum besonders gut mit Hoffnung präparierten Placebo werden. Der Placeboeffekt ist bei einer Medikamentengabe ohnehin immer mit dabei. Forschung hat gezeigt, dass bunte Pillen stärker wirken als weiße. Kapseln besser als Pillen und Spritzen besser als Kapseln. Je aufwändiger das Medikament inszeniert wird, desto größer der Placeboeffekt. Claudia Witt sagt: „Wenn ich als Arzt dem Patienten ein Medikament gebe, dann ist es definitiv so, dass ich zusätzlich zur Wirkung noch einen Placeboeffekt habe. Der hängt von meinen Erwartungen ab, von der Art, wie ich mit einen Patienten umgehe, auch vom Behandlungsumfeld. Je nachdem ist der größer oder geringer.“
Forschung geht weiterSo bescheiden auch das optische Auftreten der homöopathischen Globuli ist, das Brimborium um ihre Auswahl ist ein sehr effektiver Verstärker des Placeboeffekts. Wenn Heiler sich so intensiv um ihre Patienten kümmern, fühlen die sich einfach besser behandelt. Und wenn die Kinderkrankenschwester Anne Frankenstein auf die Homöopathie vertraut, strahlt sie Zuversicht aus. Und die hilft auch dem Töchterlein.
Doch Anne Frankenstein glaubt nicht daran, dass Homöopathie auf einem Placeboeffekt beruht. Sie wird weiter so handeln, wie hunderttausende – vielleicht Millionen – Frauen in Deutschland: Sie wird wieder zur Homöopathin gehen, wenn in Ihrer Familie jemand krank wird. Und wenn die „Heilung mit Nichts“ gelingt, kann man dagegen auch kaum etwas sagen. Zumal, wenn die Homöopathin – wie in diesem Fall – auch Ärztin ist. Und bei gravierenden Krankheiten auch echten medizinischen Rat geben kann.
Frank Wittig, swr.de
