2010

Harald Lang über Gerhard Kurzmann

Freidenkerinnen Graz

Werte BesucherInnen unserer Website,
werte GesinnungsfreundInnen,

um möglichen Missverständnissen in Bezug auf die Veröffentlichung des Interviews mit Herrn Kurzmann auf unserer Website vorzubeugen, sei es mir gestattet, ein paar Bemerkungen dazu loszuwerden.
Grundsätzlich dient die Website des Freidenkerbundes sicherlich nicht dazu, um Politikern eine Plattform für ihre Meinungsäußerungen zu bieten.
Das Interview mit Herrn Kurzmann wurde aber in der Absicht online gestellt, um auf die darin wohl zweifellos enthaltenen absurden und abstrusen Argumente in Bezug auf einen Themenkomplex aufmerksam machen zu können, den wir nicht ignorieren sollten.

Ich möchte nun das Interview mit Herrn Kurzmann im Detail etwas näher "beleuchten" und bringe dazu Auszüge aus dem Interview mit meinen Kommentaren:
 

KLEINE ZEITUNG:
Ist die FPÖ denn in der Lage, der Verantwortung, die Sie einmahnen, gerecht zu werden? Die Staatsanwaltschaft hat wegen des umstrittenen Anti-Minarett-Spiels die Aufhebung der Immunität gegen Sie beantragt. Was machen Sie als Regierungsmitglied im Fall einer Verurteilung?

KURZMANN:
Eine Verurteilung kann ich mir nicht vorstellen. Es wird sich herausstellen, dass dieses Online-Spiel völlig harmlos und gewaltfrei ist.

Kommentar:
Von "völlig harmlos und gewaltfrei" kann m. E. überhaupt keine Rede sein. Der Muezzin im Spiel muss wie bei einem Gewehr mit einer Zieleinrichtung erfasst werden und wird dann durch das Drücken der Maus-Taste zum Schweigen gebracht. Der Handlungsablauf: "Ziel erfassen - abdrücken - treffen", der noch dazu eine menschliche Figur zum Schweigen bringt, erinnert doch eindeutig an ein Kriegsspiel. Ob sich das Gericht dieser Sichtweise in ähnlicher Form anschließen wird, bleibt natürlich abzuwarten.
Auch in der Schweiz wurde das Spiel nach meinem derzeitigen Informationsstand inzwischen vom Netz genommen.



KLEINE ZEITUNG:
Keine Scham, kein Eingestehen, dass man so mit der Religion anderer nicht umgehen kann?

KURZMANN:
In diesem Spiel gibt es kein Schießen. Ich bin ja kein Computerspieler, ich hab sehr schlecht abgeschnitten bei unserem Spiel. Ich stamme nicht aus dieser Generation, die sich mit digitalen Moorhühnern beschäftigt hat. Bei uns sind das ganz normale Stopptafeln, die hochgefahren werden. Mir haben Freunde, nachdem das Spiel online gestellt wurde, ganz andere Sachen zugeschickt, die ich zur Staatsanwaltschaft mitnehmen werde. Da wird wirklich geschossen. Von Verhetzung war bei uns keine Spur. Es ging um die Gefahr der Islamisierung, um die Einschränkung von Freiheiten. Ich bin bei diesem Thema nicht allzu weit von Alice Schwarzer entfernt.

Kommentar:
Im Spiel selbst werden aber Handlungen vollzogen, die nur mit einem "Schießvorgang" vergleichbar sind. Darüberhinaus hat der Muezzin - soweit ich mich jedenfalls erinnern kann - wie ein von einem Geschoss Getroffener reagiert, indem dass er kurz zappelte und dann verstummte!

Sich auf Alice Schwarzer zu berufen kann nur als Beweis für die begrenzte Sichtweise von Herrn Kurzmann gewertet werden. Alice Schwarzer hat die fundamentalistischen Moslems - kurz Islamisten genannt - als die Faschisten des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Frau Schwarzer "ziert" gegen ihren Willen die Wahlplakate der Wiener FPÖ und würde m. E. doch niemals so dumm sein, Faschisten orientalischer Prägung durch Faschisten europäischer Prägung ersetzen zu wollen.

Mit dem Hinweis, dass es noch wesentlich schlimmere Sachen gibt, reitet
der Herr Kurzmann wieder einmal auf der für die FPÖ so typischen "Verharmlosungswelle".


KLEINE ZEITUNG:
Haben Sie das Gefühl, dass die Steiermark islamisiert wird?

KURZMANN: Es gibt innerhalb des Islams Strömungen, deren Machtanspruch über die Religion hinausreicht. Dagegen muss sich eine europäische Kultur zur Wehr setzen. Es ist nicht hinzunehmen, dass aus den Klassenzimmern das Kreuz verschwinden muss.

Kommentar:
Die zweifellos vorhandenen politischen Machtansprüche fundamentalistischer Moslems werden völlig zu Unrecht mit dem Verschwinden von Kreuzen aus Klassenzimmern verknüpft. Das entspricht der "bewährten" FPÖ-Strategie:
Wahrheiten werden mit Unwahrheiten verknüpft bzw. zu Halbwahrheiten umgeformt. Mit der obigen Aussage wollte Herr Kurzmann wohl

a) Ressentiments gegen den Islam schüren oder verstärken um so in weiterer Folge Hass zu erzeugen

und

b) in Christen bzw. "Halbchristen" eine Kreuzrittermentalität wecken.

 

Deshalb:
Ja zu einer sachlichen Islamkritik, z. B. in der Art und Weise einer Alice Schwarzer oder eines Bassam Tibi, ein klares NEIN jedoch zu einer wenig konstruktiven und kaum differenzierenden "Kritik" am Islam im Stile einer FPÖ unter den Herren Strache und Kurzmann.


Am Rande sei noch erwähnt, dass der Herr Kurzmann als studierter Historiker über die Waffen-SS bestens Bescheid wissen müsste. Die Waffen-SS stand im Ruf, besonders brutal und grausam gegenüber Gefangenen und der Zivilbevölkerung zu sein. Aufgrund zahlreicher nachgewiesener Massaker an Kriegsgefangenen und Zivilisten wurde die Waffen-SS als Teil der SS vom Nürnberger Gerichtshof 1946 zu einer verbrecherischen Organisation erklärt.

Die Kameradschaft IV wurde als Veteranenorganisation ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS gegründet. Warum Herr Kurzmann, der im Jahr 1953 geboren wurde, einer derart dubiosen Organisation angehört, überlasse ich dem Beurteilungsvermögen des Lesers. Eine "Protesthandlung" wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht sein. Diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage, da bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen niemals die Tendenz bestand, pauschal alle Angehörigen der deutschen Wehrmacht zu Verbrechern zu stempeln. Es besteht somit der begründete Verdacht, dass der Herr Kurzmann zur Verschleierung seiner wahren ideologischen Heimat gerne mit Un- und Halbwahrheiten operiert.

Harald Lang

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