2010

Es gibt keine genetischen Rassen

Hengstschläger

Hengstschläger: "Es gibt kein Juden-Gen"

Zuwanderer-Debatte: Der Humangenetiker Markus Hengstschläger widerlegt die Bevölkerungs-Thesen von Thilo Sarrazin. kurier.at

"Alle Juden haben ein bestimmtes Gen", behauptet der umstrittene deutsche Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin. "Wissenschaftlich völliger Unsinn", entgegnet der Humangenetiker Markus Hengstschläger. Dass sich bestimmte Bevölkerungsgruppen eventuell leichter integrieren als andere, bestreitet auch der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler und Autor nicht. Die Gründe dafür seien aber nicht in der Genetik zu suchen.

KURIER: Intelligenter, anpassungsfähiger, integrationswilliger - haben, genetisch gesehen, bestimmte Volksgruppen Vorteile?
Markus Hengstschläger: Ein Gen der Juden oder ein Gen der Basken, aus genetischer Sicht ist das so nicht richtig. Ich weiß nicht, warum Sarrazin annimmt, dass eine bestimmte Bevölkerungs- oder Religionsgruppe ein bestimmtes Gen hat oder nicht. Es gibt keine genetischen Rassen. Es gibt auch keinen Menschen mit bestimmten Genen. Jeder Mensch hat in etwa 30.000 Gene, und jeder Mensch hat alle Gene. Ein Unterschied, den es gibt, ist zwischen Mann und Frau. Aber jeder Mensch hat individuelle Varianten dieser Gene. Und die Gesamtheit dieser Varianten können dergestalt sein, dass etwa zwei Asiaten genetisch weiter auseinander sind als ein Asiate und ein Nordländer.

Warum also integrieren sich manche Menschen in neuer Umgebung schneller als andere?
Der Mensch ist nicht auf Gene reduzierbar, nicht bei Intelligenz und nicht bei anderen Faktoren. Was den Menschen zum Menschen macht, ist die Wechselwirkung zwischen Genetik und Umwelt. Wenn sich etwa polnische Migranten leichter integrieren, wie Sarrazin das in seinen Beispielen erwähnt, hat das mit Genen nichts zu tun. Es ist die Frage zu stellen: Wie weit ist die Ausgangslage entfernt von jenem Punkt, den man erreichen will? Die Distanz zwischen diesen beiden Punkten ist entscheidend für die Integration. Wenn man etwa in einem kurdischen Dorf ohne Strom und ohne Fernsehen aufwächst, wird diese Distanz größer sein als etwa für einen polnischen Katholiken. Anders gesagt: Das Argument, wonach sich die muslimische Gruppe später integriert als andere Gruppen, hat, wenn es denn überhaupt stimmt, 100-prozentig nichts mit Genetik zu tun.

Was ist von Sarrazins These zu halten, wonach wenig gebildete muslimische Zuwanderer weniger intelligente Kinder bekommen?
Intelligenz hat eine genetische Komponente. Aber Sarrazins Argument, dass Intelligenz zwischen 50 und 80 Prozent vererbbar ist, ist zu hoch gegriffen. Der Einfluss, den die Umwelt auf Intelligenz ausübt, ist viel höher. In Summe ist die ganze Diskussion, Integrationspolitik mit Biologie zu erklären, unlogisch.

Will Sarrazin andeuten, dass Muslime weniger intelligent wären?
Letztlich würde seine Argumentationsweise zu dieser Aussage führen. Das ist wissenschaftlicher Unsinn, indiskutabel, und in dieser Form sagt es Sarrazin auch nicht. Aber er übt sich in Verdachtsmomenten: "Es könnte ja was Genetisches sein", hat dafür aber keine Belege. 

Bietet die Genetik Denkanstöße in der Debatte um Zuwanderer?
Die einzige Chance für unsere Zukunft ist eine möglichst hohe Individualität zu erhalten. Ein Beispiel: In einer Pfütze lebt ein Tierchen, das sich asexuell fortpflanzt. Alle Tiere sind identisch mit dem Muttertier, bald ist die Pfütze voll, alle Tierchen fühlen sich wohl und sagen sich: Super, wir sind alle gleich, und so wollen wir leben. Wenn sich nun die Ausgangslage ändert, sich die Pfütze etwa um zwei Grad erwärmt, sind die Tierchen dafür nicht ausgerüstet und sterben alle binnen kürzester Zeit. Individualität hingegen würde dazu führen, dass doch ein paar Tierchen überleben.

Zuwanderer stärken die Individualität innerhalb einer Gesellschaft?
Individualität in unserer Pfütze, also unserem Staat, ist das höchste Gut, uns auf die Zukunft vorzubereiten. Es entstehen neue Situationen, neue Konzepte, neue Varianten. Die Muslime in Österreich leben nicht wie die Muslime in ihrer alten Heimat, es kommt zu einer Kombination verschiedener Entwicklungen. Die Biologie will nicht nur ideale Bedingungen für Migranten, sondern die Bildung von etwas Neuem. Wenn die Gruppe A und B zusammenkommen, entsteht C - nicht notwendigerweise biologisch. Das ist die ideale Vorbereitung für Zukunftsfragen, für das Zusammenleben auf unserem Planeten. Verknappt könnte man sagen: Migration und Integration, das sind gewissermaßen Teile der Evolution.

Quelle: http://kurier.at/nachrichten/2028114.php

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