2010

Einfach ohne Nachdenken

APA/Roland Schlager

Gehen wir einmal davon aus, dass Kardinal Christoph Schönborn mit seinem Vergleich zu Kirchenaustritten im Nationalsozialismus nur Zeugnis von seinem statistisch-historischen Wissen ablegen wollte. Hinzu mag kommen, dass die vorweihnachtliche Hektik in der kirchlichen Hauptsaison mitunter das Risiko unüberlegter bis völlig inakzeptabler Aussagen birgt. Die Nazizeit auch nur in Ansätzen mit der Jetztzeit gleichzusetzen ist dennoch höchst gefährlich. Keine klare Trennlinie zu ziehen heißt Grenzen verschwimmen zu lassen.

Abgesehen von der bedenklichen Weihnachtsbotschaft des Kardinals offenbart sich aber erneut ein bereits bekanntes kirchliches Kommunikationsproblem. Eigentlich hat nämlich Kardinal Schönborn positiv überrascht. Auf die lang bewährte kirchliche Tradition des Verharmlosens und Schönredens hat Schönborn verzichtet. Bis zu 80.000 Kirchenaustritte, Vertrauensverlust - für die Zukunft der Kirche bleibt die Hoffnung, kein Optimismus.

Der erste Schritt zur Problembewältigung ist getan - man hat das Problem erkannt. Und gleich ein Neues geschaffen: Von dem Paradigmenwechsel in der Kirchenkommunikation redet heute keiner. Es dominiert der "Nazi-Vergleich" des Kardinals. Und auch wenn wahrscheinlich in den nächsten Tagen die erzbischöfliche Erklärung, wie die Aussage denn eigentlich richtig zu verstehen gewesen wäre, nachgereicht wird: Die Chance ist für dieses Mal vertan.
 

Quelle: derstandard.at

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