2010
Missbrauch: Betroffene fordern Gerechtigkeit
Mehr als 150 Betroffene haben sich innerhalb der ersten 8 Tage bei der neuen unabhängigen Plattform-Hotline gemeldet. Es sind Buben ebenso wie Mädchen unter den Opfern, auch die Täter sind beiderlei Geschlechts. Die Anrufenden berichten von seelischer, psychischer und physischer Gewalt, von Sadismus, schwarzer Pädagogik, Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch. Viele sprachen im Rahmen der Hotline erstmals über die schrecklichen Erlebnisse, die älteste Anruferin war 90 Jahre alt. Den meisten geht es weniger um Geld, sondern sie nehmen die Chance wahr, erstmals in ihrem Leben als Opfer gesehen zu werden und sich zu vernetzen. Manche wünschen sich auch eine schlichte Entschuldigung von ihren PeinigerInnen.
Kirche kann sich nicht selbst kontrollieren
Die neue, von Alt-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic geleitete Kirchenkommission wird von der Plattform abgelehnt: "Sie ist von der Kirche beauftragt, bezahlt und gelenkt. Was soll also dabei herauskommen?" fragt Klaus Fluch von der “Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt”. Eine Institution könne sich nicht selber kontrollieren, schon gar nicht, was Verbrechen eines derartigen Ausmaßes betrifft.
„Klasnic ist eine Täter-Beauftragte, keine Opfer-Beauftragte“, bringt es Sepp Rothwangl, Leiter einer weiteren Betroffenen-Gruppe auf den Punkt. Es könne nicht sein, dass die Kirche sich eine Kommission nach eigenen Gutdünken zurechtlege. Der von Christoph Schönborn bestellten Klasnic wirft die Plattform zu große Kirchennähe vor, immerhin ist sie Vorsitzende der “Freunde des Grazer Priesterseminars“. Gefordert wird hingegen eine unabhängige Kommission nach irischem Vorbild.
Kircheneigene Kommission soll intern agieren
Stattdessen könnte die kircheneigene Kommission – unter Leitung der überzeugten Katholikin Klasnic – dazu beitragen, dass die internen Rahmenbedingungen, die zu den Übergriffen beigetragen haben, sowie die systematischen Vertuschungsstrukturen aufgearbeitet werden. Auch soll die kirchliche Sexualmoral endlich an das 21. Jahrhundert angepasst werden – Stichwort: Rolle der Frauen, Zölibat, Aufklärung, Verhütung, fordert die Plattform.
Verjährungsfristen revidieren
Opfer-Anwalt Werner Schostal zweifelt daran, ob die Verjährung in Anbetracht des ungeheuren Ausmaßes der Verbrechen menschenrechtskonform ist: „Angesichts der immer noch bestehenden psychischen Schäden sind Verjährungsfristen in Frage zu stellen“, kündigt er an. Nach Ostern soll eine Vernetzung sämtlicher Betroffenen-Gruppierungen erfolgen, auch mit amerikanischen Opfer-Vereinigungen und Anwälten wird die Plattform kooperieren. Die Mitverantwortung des Papstes wird geprüft.
Die Forderungen im Überblick:
Unabhängige staatliche Kommission nach irischem Vorbild
Erfassung der Geschädigten und deren Vernetzung
Kostenübernahme von Psychotherapie solange wie notwendig, allenfalls lebenslang
Öffnung der geheimen Kirchenarchive für die Staatsanwaltschaft
Weitergabe aller Verdachtsfälle an die Justiz, auch durch die Kirchliche Ombudsstellen
Gründung eines kirchenunabhängigen Fonds
Angemessene Entschädigung der Opfer
Ähnliche Forderungen haben Österreichs atheistische Vereinigungen erhoben. Der Freidenkerbund unterstützt vollinhaltlich die Anliegen der Plattform "Opfer kirchlicher Gewalt."
Kontakt:
www.betroffen.at
HOTLINE: 0699 10 369 369
Was kann die Hotline leisten?
Erstberatung durch Klinische Psychologin
Sammeln der gemeinsamen Anliegen der Betroffenen
Vernetzung Betroffener (wenn gewünscht)
Dokumentation des Ausmaßes kirchlicher Gewalt
Unterstützung bei der Suche nach psychologischer bzw. psychotherapeutischer Hilfe
Rechtliche Unterstützung bis hin zur Einbindung in Sammelverfahren (wenn gewünscht)
Wir ersuchen alle Opfer kirchlicher Gewalt, sich an diese Hotline zu wenden.
