2010

Arabische Regime verbannen Vollschleier

Vollschleier

Frauen in Syrien, Saudi-Arabien und Ägypten sollen künftig mehr Gesicht zeigen. Dafür sorgen strenge Auflagen. Sie sollen den Einfluss der Orthodoxen im Islam mindern. (zeit online)

Als Frankreich letzte Woche nach Belgien als zweites europäisches Land den islamischen Gesichtsschleier verbot, erhielten die Pariser Senatoren Beifall von ungewohnter Seite." An Europa und Frankreich möchte ich als Botschaft schicken – der Niqab hat keine Grundlage im Islam, er schadet vielmehr dem Ansehen des Islam", erklärte Abdel Muti Al-Bayyumi, Mitglied des Hohen Rates der Geistlichkeit an der Kairoer Al-Azhar Universität, der höchsten Lehrautorität der sunnitischen Muslime.

Mit dieser Meinung weiß Al-Bayyumi nicht nur seinen Chef, Großscheich Ahmed al-Tayeb, hinter sich, sondern auch die gesamte ägyptische Regierung.

Ausgelöst hatte die Debatte vor einem Jahr der inzwischen verstorbene Großscheich Mohammed Said Tantawi, als er bei einem Schulbesuch ein verschleiertes 12-jähriges Mädchen rüde abkanzelte und aufforderte, ihr Gesicht zu zeigen. Ihre Kopfbedeckung habe nichts mit dem Islam zu tun, schimpfte der Chefgelehrte und ließ anschließend Campus und Wohnheime der Al-Azhar für voll verhüllte Studentinnen sperren.

Aufgeregte Proteste und zahlreiche Gerichtsverfahren waren die Folge, bei denen die renommierte Anstalt bislang Sieger blieb. Zahlreiche Universitäten, ja sogar Restaurants und Clubs, haben sich mittlerweile dem Verbot angeschlossen. Im kommenden Wintersemester will Erziehungsminister Hany Helal auch verschleierte Professorinnen aus allen Hörsälen verbannen.

Nicht nur die Mächtigen am Nil, auch andere arabische Regime scheinen entschlossen, stärker Front zu machen gegen die Ausbreitung ultrastrenger islamischer Sitten.

In Syrien wurden kürzlich mit einem Schlag 1200 Lehrerinnen, die den Niqab tragen, aus dem Schuldienst entlassen und in Bürojobs versetzt, wo sie keinen Kontakt mehr zu Kindern haben. Junge Frauen mit Gesichtschleier dürfen sich an Universitäten nicht mehr immatrikulieren. Man wolle die Ausbreitung "extremer Ideen und Praktiken verhindern", erklärte ein Sprecher des Erziehungsministeriums. Der Niqab sei der syrischen Kultur fremd und eine "ideologische Invasion“.

Gleichzeitig wurden zahlreiche Imame entlassen, andere müssen den Sicherheitsbehörden jede Woche ein Tonband mit ihrer Freitagspredigt vorlegen. Gefragt nach der größten Herausforderung der Gegenwart nannte Syriens Präsident Bashar el-Assad kürzlich in einem Interview "den Extremismus in der Region" und die Aufgabe, "unsere Gesellschaft so säkular zu halten wie sie heute ist“.

Selbst der saudische König Abdullah, auf dessen Territorium die strengen salafitischen Lehren ihre Wurzeln haben, zieht die Zügel stärker an. Hunderten von Pädagogen wurden in den letzten fünf Jahren "wegen extremer Ansichten“ gekündigt, 2000 Imame wegen ihrer radikalen Predigten aus dem Moschee-Dienst entfernt. Jetzt wies der Monarch per Dekret erstmals auch das einheimische Fatwa-Unwesen auf Satellitenkanälen und im Internet in die Schranken.

Künftig dürfen nur noch von ihm berufene Mitglieder aus dem Hohen Rat der Geistlichkeit Fatwas, also Rechtsurteile zur islamischen Lebensführung, erlassen. Mehrere Websites, SMS-Dienste und Radioshows wurden bereits abgeschaltet, mit denen die islamischen Gottesdeuter bisher ihre skurrilen Urteile über das Töten der "satanischen“ Mickey Maus oder das Säugen von Autofahrern durch ihre Beifahrerinnen propagierten.

Das harte Vorgehen gegen Niqab und Fatwa-Flut allerdings ist mehr als ein frommer Konflikt um ein Stück Stoff oder Auswüchse islamischer Lebensberatung. Denn die Befürworter des Vollschleiers berufen sich nicht primär auf den Koran oder die Aussagen des Propheten, sie pochen vor allem auf ihre Religions- und Meinungsfreiheit.

Für sie ist die komplette Verhüllung der Frauen eine demonstrative Rebellion gegen ein politisches System, das sie für korrupt, autokratisch und inkompetent halten. Diese Botschaft scheint inzwischen angekommen zu sein. Immer mehr moderate Muslime und säkulare Regime fühlen sich von dem gesellschaftlichen Druck der islamistischen Hardliner herausgefordert. Für sie kommt der Niqab-Streit gerade Recht – als willkommener Anlass, um ein Fanal zu setzen gegen die wachsende Totalopposition im Namen Gottes.

Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-09/verbot-vollschleier-gehlen

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