2010
Antijudaismus am Karfreitag
"Oremus et pro perfidis Judaeis: ut Deus et Dominus noster auferat velamen de cordibus eorum; ut et ipsi agnoscant Jesus Christum Dominum nostrum. Omnipotens sempitérne Deus, qui étiam judáicam perfídiam a tua misericórdia non repéllis: exáudi preces nostras, quas pro illíus pópuli obcæcatióne deférimus; ut, ágnita veritátis tuæ luce, quæ Christus est, a suis ténebris eruántur. Per eúndem Dóminum nostrum. Amen." Diese Fürbitte darf seit 2007 wieder in katholischen Kirchen am Karfreitag aufgesagt werden.
"Lasset uns auch beten für die ungläubigen Juden (perfidis Judaeis): Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf daß auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen. Allmächtiger ewiger Gott, du schließest sogar die ungläubigen Juden (judaicam perfidiam) von deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Möchten sie das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn. Amen."
Quelle für Zitat und Übersetzung: Maschiach.de (Anm.: Maschiach ist Hebräisch für Messias)
Die Messbesucher werden auf Anweisung des Diakons oder Pfarrers nicht niederknien. Laut tridentinischem Ritus sollen sie nicht "das Andenken an die Schmach erneuern, mit der die Juden um diese Stunde den Heiland durch Kniebeugungen verhöhnten." Ein Ritual, das 1570 für die Karfreitagsmessen zwingend vorsgeschrieben wurde. Es gilt als Ausdruck des christlichen Antijudaismus, der in dem jahrhundertelangen Vorwurf gipfelte, Juden seien "Jesusmörder". Ein Vorwurf, der bis heute zu hören ist, auch wenn er seltener geworden ist.
Überlegungen, zumindest die Formulierung "treulose Juden" zu streichen, gab es seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Zuerst von katholischen Priestern, die so hofften, Juden leichter missionieren zu können, etwa in der Gruppe "Amici Israeli" (Freunde Israels). Dass Missionierung die Bestimmung des Judentums sei, wurde kaum bezweifelt. Etwas sanfter, aber kaum weniger antijüdisch. Bis 1928 landete man vor der Inquisition, wenn man die Fürbitte verweigerte.
Erst nach dem Holocaust wurden auch innerhalb der katholischen Kirche Stimmen laut, die die Beseitigung dieses Relikts um seiner selbst willen forderten. Immerhin erkannten Menschen innerhalb der katholischen Hierarchie, dass die eigene antijüdische Tradition Grundlage für den rassischen Antisemitismus der Nazis war. Nach einer schrittweisen Reform in den 1960ern wurde die Formulierung 1970 ganz gestrichen.
Wieder eingeführt hat es Joseph Ratzinger als Papst. Er erlaubte 2007 den tridentinischen Ritus wieder - eine Geste in Richtung fundamentalistischer Katholiken wie von der Pius-Bruderschaft. Über die Karfreitagsbitten dachte Ratzinger offenbar nicht erst groß nach - trotz massiver Vorbehalte innerhalb wie außerhalb der katholischen Kirche.
Ein klassisches und besonders krasses Beispiel, dass Religionsangehörige einander im Allgemeinen weit mehr beleidigen als die meisten Atheisten das jemals tun würden. Nur wird ihnen selten mit einer Strafverfolgung wegen Herabwürdigung religiöser Lehren gedroht.
Christoph Baumgarten
