2009
Kirchenstar Nikolaus Kopernikus
Es mutet etwas skurril an: 467 Jahre nach seinem Tod soll einer der Forscher ein kirchliches Ehrengrab in einem Dom erhalten, dessen Erkenntnisse den Weg frei machten für einen Kampf gegen die Deutungshoheit der (katholischen) Kirche in Sachen Welterklärung. Der Begriff "Kopernikanische Wende" bezeichnet nicht nur, dass die Erkenntnis, die Sonne stehe im Mittelpunkt des Planetensystems, ungeahnte Forschungsgebiete in der Wissenschaft ermöglichte. Kopernikanisch war auch und vor allem, dass die Wissenschaft sich ab diesem Zeitpunkt frei von der Religion zu bewegen lernte und sich nicht mehr vorschreiben ließ, wie die Welt zu sehen sei.
Ein Affront gegen die Kirche, wie es damals gesehen wurde. Allerdings erst, als die Tragweite der Erkenntnisse des Arztes und Astronomen sichtbar wurde. Kopernikus selbst wurde für einen Spinner gehalten, der die Grundwahrheit leugne, dass die Sonne sich um die Erde drehe. Johannes Kepler und Galileo Galilei ging es wenig später beinahe an den Kragen für die gleiche Feststellung. Vierhundert Jahre später war Galilei rehabilitiert. Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Auch und vor allem im Vatikan.
Das Begräbnis von Kopernikus mutet ein wenig an wie ein PR-Gag. Seine Leiche lag 463 Jahre lang in der Fromborker Kathedrale und wurde 2005 von Archäologen entdeckt. Die Diözese Ermland und möglicherweise das Fromborker Domkapitel ließen es sich nicht nehmen, ein zwei Tonnen schweres Grabmal für Kopernikus fertigen zu lassen. Eine einfache Wiederbestattung hätte es vermutlich auch getan. Nur lässt sich mit dem Festakt am 22. Mai 2010 vermutlich die angebliche Weltoffenheit der Kirche besser dokumentieren. Man darf darauf wetten, dass dann hervorgekehrt wird, dass Kopernikus Mitglied des Fromborker Domkapitels war. Und irgendwie könnte einen unbedarften Beobachter das Gefühl beschleichen, das erst habe Kopernikus auf seine Entdeckungen gebracht. Und Galilei ist nie vor Gericht gestanden.
Christoph Baumgarten
